Tag 40: Shifnal nach Penkridge

So schlimm war’s gestern nicht. Wir wachen ohne Kater auf und freuen uns über Judys leckeres Frühstück (Mike schläft noch) .

Der heutige Tag beginnt bedeckt, aber es regnet nicht. Zunächst müssen wir auf einer Ausfallstraße aus Shifnal hinauslaufen. Die Straße ist dicht befahren und hat keinen Seitenstreifen.  Das mögen wir wirklich nicht. Wir laufen noch unter dem lauten Motorway 6 durch, aber dann ist endlich Ruhe. Hier treffen wir auf den Monarch’s Way und folgen diesem auf den nächsten acht Kilometern bis zum Boscobel House.

An dieser Stelle ein paar Anmerkungen zum Monach’s Way: Er ist mit seinen 932 Kilometern einer der längsten Wanderwege Englands und beschreibt den ungefähren Fluchtweg des katholischen Monarchen Charles des Zweiten, als er im 1651 nach der Schlacht von Worcester nach Brighton an die Südküste Englands fliehen musste. Auf seiner Flucht versteckte er sich unter anderem im Kloster „White Ladies“ und im Boscobel-House. Das Symbol des Weges ist das Bild einer hohlen Eiche, in der er sich auf dem Boscobel-Estate vor seinen Häschern versteckt haben soll.

Teile des Monarch’s Way sind wir schon im Abschnitt 3.1 gelaufen, als wir in Somerset unterwegs waren. Wir grüßen also den Monarchen als alten Bekannten und freuen uns über das Wiedersehen. Bei der Gelegenheit fällt uns auf, dass es so etwas in Deutschland nicht gibt: Fernwanderwege, die nach historischen Begebenheiten konzipiert wurden. Bei uns hätte man daraus vermutlich die „Straße der Gegenreformation“ (*hihi!*) gemacht: Eine Autostraße halt!

Viel Spektakuläres gibt es nicht zu berichten über diese acht Kilometer. Der Weg führt größtenteils über Feldwege, teilweise mit alten Bäumen bestanden. In der Ferne blinkt manch blühendes Rapsfeld, alte Zäune und Hecken stehen am Weg. Es gibt nichts Besonderes zu sehen, aber uns gefällt es trotzdem. Eigentlich hatten wir keine besonderen Erwartungen an diesen Tag – Wir haben uns immer vorgestellt, hier schnell durchzulaufen, um den Abschnitt zwischen Wenlock Edge und dem Beginn dem Peak District zu überwinden. Auf der Karte sieht der Monarch’s Way nach nix aus – aber was auf der Karte nicht eingezeichnet ist, sind die Hecken, die alten Bäume, die Zäune, der Wind …

Wer einmal durch eine ostwestfälische oder niedersächsische Agrarlandschaft gewandert ist, der weiß zu schätzen, wie lieblich die englischen Landschaften sind. So hat es wahrscheinlich auch bei uns in Deutschland ausgesehen, bevor die Flurbereinigungen der 80er-Jahre die Landschaft eingeebnet haben. Auch wenn wir den Traditionalismus der Engländer manchmal belächeln – hier gibt es noch die Liebe für’s Detail!

Ein echtes Highlight heute sind die Ruinen des alten Klosters „White Ladies“. Hübsch liegt das Gemäuer inmitten von Feldern und Wiesen, kein Mensch ist in Sicht. Hier verbringen wir eine sonnige, ruhige Mittagspause, die alten Mauern schützen uns sogar vor dem Wind und es wird richtig warm, wenn die Sonne auf die Mauern scheint.

Im Boscobel House hoffen wir auf einen Kaffee, aber leider ist es heute geschlossen. Wir können den Tudor-Bau aber von der Straße aus bewundern und statten auf jeden Fall der „Königlichen Eiche“, in der sich der flüchtende König versteckt haben soll, einen Besuch ab. Die originale Eiche steht schon einige Jahre nicht mehr, so dass wir uns mit einem gepfropften Exemplar begnügen müssen – nun ja, eine eher mittelmäßige Attraktion. Zum Glück bedeutete der Besuch keinen besonderen Umweg für uns.

Ab Boscobel House verlassen wir den Monarch’s Way, denn dieser würde uns über einen Umweg erneut nach Süden führen. Stattdessen laufen wir über die ehemalige „Black Ladies Priory“ bis zum Belvide Reservoir. „Black Ladies“ ist in einem wesentlich renovierterem Zustand als seine weiße Schwester – Als Kloster nicht mehr erkennbar, präsentiert es sich heute als stattliches Herrenhaus aus roten Ziegeln und trutziger Mauer herum. Der umliegende Wassergraben erinnert an westfälische Wasserschlösser unserer Kindheit.

Weiter laufen wir verschiedene „Public Footpaths“ bis zum Shropshire Union Canal. Hier bewundern wir wieder die Einrichtung des „Right of Way“ in England: Ist ein historischer Weg einmal auf einer Ordnance Survey Karte eingezeichnet, darf er nicht mehr gesperrt werden. So führt auch hier ein Trampelpfad quer durch das Feld, was dem Bauern vermutlich gar nicht behagt, aber er muss es dulden. Im Gegensatz dazu ist in Deutschland dieses Wegerecht viel mehr der Willkür der jeweiligen Landbesitzer ausgesetzt – Akzeptiert der Landbesitzer Spaziergänger, ist alles einfach. Ist er jedoch ein alter Miesepeter, kann er jahrhundertealte Wege unterpflügen und sperren.

Toll finden wir auch wieder, wie viele uralte und knorrige Bäume in den Wiesen stehen. Auch sie wären in Deutschland schon längst der Ökonomie einer barrierefreien Felderwirtschaft zum Opfer gefallen. Genau dafür lieben wir dieses Land, dass es sich nämlich so oft „dem Fortschritt“ widersetzt! Ob das auch für den Brexit gilt!?

Wir überqueren den Shropshire Union Canal bei Lapley und der Lapley Wood Farm. Eine Zeitlang bleiben wir auf der Brücke stehen, um den vorbeifahrenden Longboats zuzuschauen. Wenn wir mal irgendwann alt sind und nicht mehr laufen können, dann werden wir Bootsfahrer!

In Lapley ist uns an der Kirche noch eine Rast vergönnt, aber nun beginnt es zu regnen, und zwar heftig! Die letzten Kilometer hasten wir über Asphaltstraßen, bis wir total durchnässt, aber zum Glück sauber-nass Penkridge und unser Ziel, das „Littelton Arms“ erreichen. An der Bar spottet ein versoffener Stammgast über unseren Aufzug, aber der Mann hinter der Bar verzieht keine Miene. Wie selbstverständlich begleitet er uns begossene Pudel zu unserem Zimmer.

Übrigens hat der Regen fünf Minuten nach unserer Ankunft aufgehört ..

Auch das Littleton Arms ist ein angenehmer und bequemer Gasthof für uns Wanderer. Dank unserer Internetrecherche liegen wir mit der Wahl unserer Unterkünfte selten daneben. Den einen oder anderen Ausreißer gibt es schon, und das sowohl nach unten als auch nach oben. Dieses Inn ist jedenfalls solide Qualität und dennoch nicht teuer!

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