Tag 51: Marsden nach Littleborough

Heute ist der letzte Tag unserer sehr abwechslungsreichen Urlaubs. Die ersten fünf Kilometer und 200 Höhenmeter Aufstieg werden wir brauchen, um wieder auf den Pennine Way zu stoßen. Die nächsten sieben Kilometer werden wir auf diesem verbringen, um dann wieder vier Kilometer zum Bahnhof nach Littleborough abzusteigen. Eine besonders effektive Art, den Pennine Way zu wandern ist das nicht! 🙂

Die Sonne lacht heute wieder. Den Weg durch Marsden verbringen wir recht angenehm: Zunächst geht es am Huddersfield Narrow Canal entlang, bis dieser samt Bahnstrecke in einem Tunnel verschwindet. Der Standedge-Tunnel ist spektakulär: Er verläuft in vier parallelen Röhren fünf Kilometer lang unter der Erde. Drei Röhren sind für die Bahn, eine Röhre ist eine Kanaldurchfahrt. Wir stellen uns vor, wie schaurig es 1811 gewesen sein muss, den Tunnel im Dunkeln zu durchfahren.

Wir folgen nun dem Standage-Trail weiter bis zur Close Gate Bridge. Zunächst geht es  entlang des Colne-Flüsschens auf einem attraktiven Fußpfad weiter, so dass wir keinen Asphalt treten müssen. Das letzte Stück bis zur Brücke geht es dann aber doch über eine Straße, und zwar steil nach oben!

Die Brücke selbst ist eine hübsche einbogige Steinbrücke in einem hübschen Tal. Hinter der Brücke beginnt ein unmarkierter Trampelpfad, der uns nach drei Kilometern zur A640 und damit zum Pennine Way führen wird. Es geht über eine weite, grasbestandene Hochebene, teilweise durch sumpfiges Gelände. Wir freuen uns, dass die Sonne scheint und der Boden relativ ausgetrocknet ist. Bei Regen muss der Weg ein echtes Abenteuer sein! Heute aber macht es Spaß, durch die Graswüste zu laufen.

An der A-Road hat uns die Zivilisation wieder. Wir hoppeln wie die Hasen über die vielbefahrene Straße – et voilà, der Pennine Way!

Zum White Hill geht es ordentlich bergauf. Während wir bisher heute noch niemanden getroffen haben, kommen uns auf dem Stück bis zum White Hill gleich drei Pärchen entgegen. Wow, und das an einem Donnerstag Anfang Mai. Hoffentlich bleibt das nicht so!

Nach White Hill wird es grauenhaft: Wir müssen zunächst eine weitere A-Road überqueren, und dann auch noch den Motorway 62. An der A-Road gibt es einen Parkplatz, an dem mitten im Niemandsland ein kleiner Kaffee-Caravan steht. Sage und schreibe fünf Wanderer sitzen vor dem Wagen an einem Picknicktisch und frühstücken!

Wir gehen jedoch weiter, an Gasfördertürmen (sic!) vorbei und dann über eine Brücke über die sechsspurige Autobahn. Diese schlängelt sich wie eine Schlange durch die wüstenartige Landschaft, irre!

Direkt nach der Gruppe führt der Weg sofort wieder wieder durch wildes Land, abgesehen von dem Getöse der Autobahn, das uns noch lange verfolgt.

Richtig schön wird es noch einmal am Blackstone Edge. Wir laufen durch eine Landschaft voller großer Steine, die im Sonnenlicht grau-grünlich schillern. Ein einsamer Gitarrenspieler sitzt an der Kante und klimpert vor sich hin. Er genießt die tolle Aussicht, so wie wir. Wir verbringen einige Zeit zwischen den Steinen, fotografieren und genießen unsere letzte Teepause in den Pennines.

Am Aiggin Stone (einem alten Stein, von dem man nicht genau weiß, warum und wann jemand das Gesicht in den Stein geritzt hat) verlassen wir den Pennine Way und steigen ab. Wir nehmen eine alte römische Straße, die als Teil des Pennine Bridleways ausgezeichnet ist. Deutlich sind die Pflastersteine der alten Straße, sogar die Rinnsteine zu erkennen. Tatsächlich habe ich bei näherer Recherche erfahren, dass die aktuelle „Straße“ wohl von ca. 1735 stammt. Hier wurde halt überbaut und überbaut und überbaut …

Aber wie immer, wenn wir historisches Gelände betreten, überkommt uns irgendwie ein feierliches Gefühl. Der Weg führt und so oder so bequem nach unten. Auf halber Höhe treffen wir auf die A58. Die wollen die jedoch verständlicherweise nicht nehmen und folgen weiter dem Pennine Bridleway nach Lydgate. Hier treffen wir auf einen der furchtbarsten Wege, die wir je getroffen haben: Der Weg ist durch Kühe tief eingeschnitten, wir versinken in Schlamm und Kuhscheiße. Es ist kaum möglich, sich an den Rand zu retten, auch der ist total verschissen. Als wir endlich den Hof Lydgate (Grrrrr!) und die Straße erreichen, nehmen wir uns vor, beim nächsten Mal auf keinen Fall hier wieder in den Weg einzusteigen. Vermeide Lydgate unter allen Umständen!

Der Rest des Weges bedeutet zwei Kilometer Pflastertreten bis Littleborough. Schon um 14:30 Uhr erreichen wir den Bahnhof und eine Stunde später sind wir in Manchester City. Herausgerissen aus der Natur versuchen wir, den Rest des Tages „naturverbunden“ zu verbringen: Wir erlaufen am Nachmittag in Manchester verschiedene Kanäle, die sozusagen als Parallelwelt neben der oberen Stadt existieren. Faszinierend, und dafür mögen wir Manchester!

Direkt an unserem „Premier Inn“ verläuft der Ashton Canal. Dieser würde uns irgendwann zum Huddersfield Narrow Canal führen und damit zurück bis nach Marsden. So ein Kanal übt auf uns eine Faszination aus, die eine Route 66 nie erreichen würde …

Tag 50: Dog and Partridge Inn (Flouch) nach Marsden

Heute Morgen beim Frühstück sind außer uns nur zwei Handwerker beim Frühstück. Dies ist sehr lecker und finden es schade, dass der Pub abseits des Pennine Way liegt. Der gut geführte Pub hätte wesentlich mehr Gäste, wenn er an der Hauptroute liegen würde.

Wir sind glücklich und dankbar, dass wir nicht am Rande der furchtbaren Straße weiterlaufen müssen, sondern der „Barnsley Boundary Walk“ etwas abseits der A-Road verläuft. Links haben wir immer die Autokolonnen im Blick – dort braust und dröhnt es gewaltig. Lenkt man aber den Blick nach rechts, so erstreckt sich hier die „Wüste“, soweit das Auge reicht. Unglaublich für den Mitteleuropäer, was hier für Flächen brachliegen! Unser Weg verläuft hier zweispurig, bis wir bei „Fiddlers Green“ zum Windleden Reservoir abbiegen. Grün ist hier um die Jahreszeit gar nichts, aber in der Sonne sehen auch die Brauntöne auf den umliegenden Hügeln gut aus.

Das nächste Reservoir kommt gleich eineinhalb Kilometer weiter. Am Winscar Reservoir laufen wir über die Staumauer. Links unter der Mauer liegt der Ort Dunford Bridge – wie muss das sein, im Schatten einer großen Staumauer zu wohnen? Von oben sieht der Ort jedenfalls sehr hübsch aus.

Am Ende der Staumauer folgen wir einem Pfad am nördlichen Ufer des Sees. Hier verläuft der Pfad auf kleinen Platten zwischen hohem Gras und Binsen. Plötzlich hören wir ein Keuchen und das Gras teilt sich vor uns: Ein Nacktjogger! Nun ja, ein kleines Höschen hat er schon noch an .. aber trotzdem sehr tapfer bei den Temperaturen. Die Engländer sind echte Helden!

Nach dem Winscar Reservoir gibt es noch einen kleineren, zweiten Stausee, aber wir verlassen das Ufer und laufen ein Teersträßchen nach Snittlegate hoch. An einer Kreuzung treffen wir auf den Holme Valley Circular Walk, dem wir nun folgen. Unglaublich, wie viele verschiedene markierte Weg es hier gibt!

Wir laufen in einen hübschen Kiefernwald, der unseren Augen eine nette Abwechslung bietet. Mittlerweile ist es zwölf Uhr und die Sonne knallt ganz ordentlich. Da wir keine Sonnencreme dabei haben, muss Steffi sich schon schützen – dem Friedel macht die Sonne bekanntlich nicht so viel aus.

Im „Hades“ haben wir den tiefsten Punkt erreicht, hier verläuft ein hübscher Bach in einer tiefen Schlucht. nach Danach folgt „Elysium“ – Na, da ist ja wieder alles in Ordnung!

Von nun an laufen wir quasi immer am Rand des Nationalparks entlang. Unser Zwischenziel lautet Holme an der A6024. Durch Wiesen und Weiden geht es auf dem Kirklees Way bis zum Brownhill Reservoir. Mittlerweile ist es richtig heiß geworden! Von Weitem sehen wir die Häuserreihen von Holmbridge, erster Vorposten einer städtischen Zivilisation.

Wir bleiben auf jeden Fall auf dem Kirklees Way, bis wir an der A635 -Tatatataaa! – auf den Pennine Way treffen. Natürlich machen wir hier Fotos mit den typischen verwitterten Wegweisern aus Holz mit dem charakteristischen Eichelsymbol.

Der Pennine Way – berühmt und berüchtigt! Einst als englische Antwort auf den amerikanischen Appalachian Way konzipiert (aber nur ein Siebtel so lang), führt er 429 Kilometer durch den Höhenzug, der quasi das Rückgrat Englands ausmacht. Berüchtigt ist er, weil er THE HELM ausgesetzt ist und damit als notorische Schlechtwetterzone gilt. Zweitens bestehen die Höhenzüge größtenteils aus Torfboden, der einen besonderen Hang zur Erosion hat. Wanderer berichteten in der Geschichte des Weges immer wieder von Schlammschlachten nach Regengüssen, einige sollen sogar auf immer im Torfboden versunken sein! 🙂

In letzter Zeit wurden an besonders von der Erosion betroffenen Stellen sogenannte „Slabs“ verlegt, also Steinplatten, die das schlimmste Einsinken verhindern sollen. Die Puristen untern den englischen Wanderern lehnen diese aber total ab, weil sie dem Pennine Way sein Wildnis-Feeling nehmen würden. Schließlich sollen nur die ganz Harten sich rühmen können, den berüchtigten Weg in seiner gesamten Länge durchschritten zu haben! Wir sind also gespannt, was uns der Weg bringen wird.

Heute folgen wir dem Weg jedoch nur drei Kilometer. Hinter dem Wessenden Reservoir biegt der Pennine Way ab nach Standedge. Wir jedoch folgen dem Kirklees Way nach Marsden. Der Pennine Way ist uns heute nur in Form eines breiten Schotterwegs begegnet. Da haben wir aber mehr erwartet!

Die letzten Kilometer nach Marsden – entlang weiterer Reservoirs *gähn* – sind dann auch nicht spektakulärer. Der Weg ist weit, heiß und staubig.

Hat uns Marsden gefallen? Wir können es gar nicht sagen, denn der Ort bietet weder besondere Schönheiten, noch ist er besonders hässlich. So betrachten wir Marsden vor allem als Nachtlager und freuen uns über unseren (mittelmäßigen) Pub und ein kühles Bier am Abend!

Tag 49: Ladybower zum Dog and Partridge Inn

Heute wird es vollends einsam werden. Wir werden durch gar keine Orte kommen und sowohl der Beginn als das Ende der Tour sind traditionelle Gasthöfe an Fernstraßen. Dazwischen befindet sich nichts als Wasser, Heide, Gras und Wald – Wildnis!

Die ersten neun Kilometer heute benötigen keine besonderen Navigationsfähigkeiten: Es geht zunächst am östlichen Ufer des Ladybower-Stausees vorbei, dann folgt der Weg rechts dem Dervent Reservoir und trifft dann auf das Howden-Reservoir. Diese drei Seen liegen aneinandergereiht im Tal des Derwent.

Die Seen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet, um die Wasserversorgung für Derby und die umliegenden Großstädte Sheffield und Nottingham zu sichern. Das Ladybower Reservoir hat sogar zwei Dörfer verschluckt. Derwent und Ashopton.

Heute ist jedoch nichts davon zu sehen. Das  Reservoir wirkt wie ein natürlicher See. Der Stausee ist gut gefüllt, keine hässliche Kante ist zu erkennen, wie wir das schon bei anderen Stauseen erlebt haben.

Ein breiter Schotterweg führt am rechten Seeufer entlang und ermöglicht ein angenehmes Gehen unter Bäumen bis zum Ende des Sees und zum Beginn des nächsten Stausee, des Derwent Reservoirs.

Die Mauer des Derwent Reservoirs ist besonders schön mit zwei Türmen verziert. Sie erinnern uns irgendwie an alte Inka-Türme.

Am Derwent Reservoir beginnt es zu regnen, aber nach einem kräftigen Schauer kommt zum Glück die Sonne raus. Im Verlauf des Tages wird es sogar richtig warm werden. Der erste T-Shirt-Tag in diesem Urlaub!

Unser „Alternative Pennine Way“-Führer rät, dem Howden Reservoir bis zu seinem Ende zu folgen und dann bei den Slippery Stones einen Pfad nach Osten einzuschlagen, um zum Langsett-Reservoir zu kommen, unserem nächsten Zwischenziel. Wir jedoch haben den Schotter satt und beschließen, uns schon am Howden Clough in die Berge zu schlagen.

Wir folgen also dem kleinen Bachlauf auf einem kleinen Pfad nach oben. Der Pfad führt ausgesprochen hübsch zuerst durch einen Wald, dann durch ein mit Heidekraut und kleinen Bäumen bestandenes Tal. Der Bach wurde hier zu kleinen Wasserbecken aufgestaut, die von Birken und Heidekraut umstanden sind.

Weiter oben verliert sich der Pfad auf einer großen Grasebene. Jetzt wird es auch ganz schön quappig unter den Füßen. Ein Pfad ist leider gar nicht mehr zu erkennen, aber die Grasebene begeistert uns: Die umliegenden Hügelflanken schillern in verschiedene Farbtönen von dunkellila über gelb bis hellbeige, fast weiß. Der Wind bewegt das Gras, es rauscht und riecht nach Heu.

Dank unserer GPS-Einrichtung auf unseren Mobiltelefonen schlagen wir die ungefähre Richtung zum Cut Gate ein. Tatsächlich treffen wir nach circa einer halben Stunde anstrengenden Stakens durch hohes Gras auf den eigentlichen Weg, der von den Slippery Stones hochkommt. Es mag sein, dass dieser Weg weniger anstrengend gewesen wäre, aber wir hatten unseren Spaß!

Der Weg zum Langsett Reservoir ist nun klar zu erkennen. Er scheint auch reichlich begangen zu werden, denn an einigen Stellen ist der Pfad richtig ausgewaschen. Wenn es frisch geregnet hat, muss es eine totale Schweinerei sein, hier durchzulaufen. So freuen wir uns, dass der Torf halbwegs trocken ist und wir mehr oder weniger trocknen Fußes das Langsett-Reservoir erreichen.

Unten im Tal macht es Freude, wieder einen Wald zu sehen. Wir folgen hier einem Weg, der in der OS-Karte als „Barnsley Boundary Walk“ ausgeschrieben ist. Einmal aus dem Wald heraus, geht es den restlichen Kilometer bis zu unserem Pub über einen Feldweg zur A628, an der das „Dog and Partridge Inn“ liegt. Wir amüsieren uns köstlich darüber, dass der Landlord den Weg mit großen Verkehrsschildern markiert hat, damit auch bloß kein Wanderer sich auf seinem Grundstück verläuft! 🙂

Schon bevor wir die A-Road errreichen, wundern wir uns über den Lärm, der hier herrscht. Beim Anblick der LKW-Kolonnen auf der Straße überkommt uns der Horror. Unglaublich, was für ein Verkehrsaufkommen auf der Straße herrscht! Du trittst heraus aus der Einsamkeit der Berge und dich trifft fast der Schlag!

Wir hatten wohl realisiert, dass der Pub an einer Straße liegt. Aber doch nicht an SO EINER! Egal. Weit und breit gibt es auch keine andere Unterkunft, also auf zum Inn. Wir laufen noch 200 Meter über den schmutzigen Grasstreifen am Fahrbahnrand. Das Dog and Partridge Inn wirkt wie eine Trucker-Raststätte an einem Highway in der Mojawe-Wüste: Kein Baum weit und breit, nur die Straße und das einsame Gebäude des Gasthofs.

Der Pub ist dann aber sehr schön. Wir haben ein tolles Zimmer im hinteren Teil des Gebäudes, so dass wir sogar bei geöffnetem Fenster schlafen können. Der Pub ist gemütlich und gut geführt und am Abend beobachten wir noch die Unmengen an Kaninchen, die hinter dem Haus ihre Purzelbäume schlagen. Auch Vogelfreunde hätten hier ihre wahre Freude – viele verschiedene Vögel drehen ihre Runden über dem Moor, wir können jedoch nur die Moorhühner und Schwalben bestimmen.

Tag 48: Fox House Inn nach Ladybower

Der heutige Tag war als „Ruhe-Tag“ eingeplant: Nur vierzehn Kilometer bis zum Ladybower Inn! Aber da wir uns Friedels neugewonnener Fähigkeiten noch nicht sicher sind, sind wir froh, dass die heutige Etappe nicht so lang ist. Trotz der kurzen Länge erwartet uns eine schöne, aber auch anstrengende Etappe.

Der Weg vom Fox House führt uns zunächst ein Stück an der Straße entlang, die aber bald ins freie Feld führt. Es geht nun am Rand der Burbage Edge entlang, einer dramatischen Felskante, die ich schon im Internet auf diversen Kletter-Seiten bewundert habe. Burbage Edge im Sonnenaufgang, Burbage Edge im Sonnenuntergang ..

Zunächst geht es durch eine mondähnliche Landschaft. Das Auge schweift frei über Gräser, Farne, Heide, Steine ..  bis zum Horizont nichts als braune Landschaft, unterbrochen durch ein paar Felskanten und Steinhügel. Mein Vater meinte beim Anblick der Fotos spontan: „Das ist ja langweilig!“ Wir aber empfinden diese „Wüste“ als sehr entspannend und anregend. Auf unserem Weg schrecken wir das eine oder andere Moorhuhn auf, also wenn das aber mal nicht anregend ist!

Diese Vögel haben die Angewohnheit, sich komplett ruhig zu verhalten, bis man in unmittelbarer Nähe ist. Dann plötzlich fliegen sie mit lautem Geschrei auf  – es bleibt einem förmlich das Herz stehen. Das ist echt der besondere Trick der Viecher – wenn man sich vom Schreck erholt hat, sind sie schon weg!

Wir folgen nun dem „Sheffield Country Walk“. Am Morgen haben wir noch einige Jogger als Gesellschaft, aber auch die werden im Verlauf des Morgens immer weniger. Vom Foxhouse Inn wandert man bis zu einem Parkplatz auf einer Art Plateau: Rechts steht die Kante der Burbank Rocks, links ein Wald, der aber wohl schon länger keiner mehr ist .. nur Stümpfe und ein kleiner Rest sind davon übrig. Nach dem Parkplatz beginnt Stanage Edge. Hier treffen wir gar niemanden mehr, nur der Wind heult uns um die Ohren. Es ist unglaublich, welche Einsamkeit man hier trifft, heute an einem offiziellen Feiertag, nur fünf Kilometer von Sheffield entfernt!

Stanage Edge ist wieder stark THE HELM ausgesetzt. Ich bin froh, dass ich meine Mütze dabei habe. Friedel und ich machen Spaßfotos im Wind. Da wir immer an der Kante entlang laufen, haben wir jedoch einen tollen Blick ins Tal. Während wir hier gegen Wind und Wolken kämpfen, herrscht im Tal eitel Sonnenschein! Insgesamt sind wir froh, dass wir bei dem Wind nicht zwanzig Kilometer laufen müssen, bei vierzehn Kilometern kann man schon mal ein paar Witze reißen.

 

Um etwa ein Uhr mittags beginnt es aber fies zu regen. Sofort verwandelt sich der zuvor sandig-elastische Weg in einen Matsch. Das ist es, wofür der Höhenzug berühmt-berüchtigt ist: Pennines = Matsch! Entsetzen!

Zum Glück gib es hier und da einige Plattenwege, immer wenn der Weg über potentiell matschiges Gelände verläuft. Zwar gibt es die eine oder andere Pfütze, aber die lässt sich noch locker umspringen. Da haben wir auf dem Coast to Coast Walk aber schon anderes erlebt, haha! Wir verbringen sogar noch eine coole Mittagspause mit Tee in strömendem Regen und typisch englischen Gurken-Sandwiches. Egal!

Als wir an der A57 bei der Moscar Lodge ankommen, sind wir schon eine Zeitung von Bult zu Bult gesprungen. Aha, so fühlen sich die Pennines an! In der Tat ist dies ein kleiner Vorgeschmack darauf.

Wir wollen natürlich nicht an der Straße entlang laufen, sondern wählen Feldwege entlang der Straße. Auf diesem Weg neben Strommasten wird es nun vollends nass: Unser erster „Vollmatsch“ auf dieser Tour! (Im Verlauf der weiteren Etappen werden wir nasse Füße als natürliche Gegebenheit akzeptieren lernen – so ist es halt!) Gegen 15 Uhr erreichen wir das Ladybowers Inn: Auf der einen Seite haben wir das Gefühl, dass sie auf Leute wie uns spezialisiert sind. Trotzdem haben sie keinen Trockenraum für nasse Wanderstiefel und nicht mal Zeitungspapier zum Ausstopfen. Was ist denn das für eine Performance?

Die Zimmer sind jedenfalls nett in einem Nebengebäude untergebracht und groß und gut gepflegt. Mit roten, windgegerbten Gesichtern verbringen wir einen gemütlichen Abend im Pub und feiern, dass Friedel wieder laufen kann.

 

Tag 47: Mit dem Taxi nach Baslow und dann zum Fox House Inn (bei Hathersage)

Ab heute laufen wir eine Variante, die keiner unserer Vorbilder bisher gewählt hat. Antiquarisch bin ich auf ein Buch gestoßen, das „Alternative Pennine Way“ heißt. So wollen Friedel und ich den Pennine Way nicht an seinem offiziellen Beginn in Edale betreten, sondern erst kurz vor Marsden auf ihn treffen. Bis dahin haben wir eine Variante über Froggat, Burbage und Stanage Edge und dem Ladybower Stausee gewählt.

Im Nachhinein weiß ich nicht, ob dies eine gute Entscheidung war. Zwar ist der „Alternative Pennine Way“ sehr schön, aber da wir später noch fast den kompletten Pennine Way laufen werden, wird es uns ärgern, dass wir die ersten fünfzig Kilometer ausgelassen haben. Aber da wir ja sowieso noch unsere beiden Etappen in Staffford nachholen müssen, werden wir das mit dem Beginn des Pennine Ways zu einem späteren Zeitpunkt verbinden. Nun erst mal sind wir auf dem Weg nach Baslow.

Es ist kalt und reichlich nass heute. Außerdem geht es Friedel heute nach dem Gewaltmarsch gestern zwar relativ gut, aber wir wollen seine Knie heute noch mal ein wenig schonen. Wir leisten uns heute morgen also ein Taxi, das uns nach Baslow bringt. damit verkürzen wir die Etappe heute von 23 Kilometer auf zehn.

Geplant war ursprünglich, quer über die Wiese nach Haddon Hall zu laufen, von dort aus dann auf den Derwent Valley Heritage Walk zu stoßen und über das Chatsworth Estate bis nach Baslow zu laufen. So fahren wir mit dem Taxi am Estate vorbei uns sehen sogar, wo wir am Derwent River entlang gelaufen wären. Meiomei, das wär’ ein Gepatsche geworden!

Wer den Weg jedoch nachlaufen möchte: Das Chatsworth Estate ist eine der berühmten Schlossanlagen in England und bestimmt sehenswert. Der Weg am Derwent entlang über das Estate sieht aber von der Straße aus gesehen eher langweilig aus. Vermutlich werden wir auch diese Strecke später nachholen.

 

So kommen wir gegen 10:15 Uhr trocken in Baslow an und genehmigen uns erst mal einen Kaffee. Als wir den Tearoom verlassen, hat es glatt aufgehört zu regnen. Das Glück ist mit den Faulen!

Auf geht’s hinauf zum Baslow Edge. „Edge“ bedeutet „Kante“ auf Deutsch, und es verhält sich hier ähnlich wie beim Albtrauf der Schwäbischen Alb: Wir wandern entlang einer Hochebene. Rechts liegt die Weite der Moorflächen, das Gelände ist relativ flach. Links geht es 150 Meter über eine felsige Kante nach unten. Das klingt nach nicht viel, aber man sieht es gewaltig!

Auf dem Weg nach oben treffen wir eine Gruppe uralter Männer in Regenponchos, von denen uns einer anspricht. Der Über-80-Jährige ist noch regelmäßig in diesem Gelände unterwegs. Alle Achtung, wir hoffen, dass auch wir im Alter noch so fit sind! Er verwickelt uns in ein circa 20-minütiges Gespräch, in dessen Verlauf er von uns wissen möchte, warum die Briten in der EU bleiben sollten. Wir fangen an zu stottern –  für uns als Deutsche ist die Mitgliedschaft in der EU so selbstverständlich, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, uns diese in Frage zu stellen!

Aber jetzt mal im Ernst: Wir Deutschen sind so in der EU aufgegangen, dass uns Brexit so etwas von lächerlich erscheint, dass wir uns das gar nicht vorstellen können. Aber die Geschichte wird uns einholen …

Im Hier und Jetzt stehen wir nun auf Barlow Edge und der Wind pfeift uns um die Ohren. Er hat sogar einen speziellen Namen: The Helm! THE HELM!

In der Tat: Nie haben wir in Deutschland unter „normalen“ Bedingungen so einen Wind erlebt. Wir lachen uns tot, aber es weht uns an einem normalen Tag fast von der Kante!

THE HELM macht uns ordentlich Spaß. Wenn man nur zehn Kilometer bis zum Fox House Inn laufen muss, kann man über THE HELM durchaus lachen – das Gehen macht gegen den Wind aber durchaus Probleme. Steffi ist froh, dass sie zwei Wanderstöcke hat. Sie kann sich so THE HELM entgegenstellen. Mitunter muss sie Friedel um Hilfe bitten, so kann sie in seinem Windschatten laufen.

Wichtig ist: Man muss durchaus bei so einer Tour einplanen, dass THE HELM die Anzahl der zu meisternden Kilometer durchaus beeinträchtigen kann. Wie gesagt, bei zehn Kilometern haben wir gut Lachen: Bei einer längeren Strecke sollte man den Wind (und auch die damit verbundene Kühlung) mit einplanen!

THE HELM hin oder her: Wir haben eine imposante Felsenlandschaft mit dramatischen Felsabrüchen vor uns. Immer wieder stehen am Rand der Kante imposante einzelne Felsen, die gerade dazu einladen, auf ihnen zu klettern. Dies ist eines der feinsten Klettergebiete in England.

Diese zehn Kilometer bieten einen wunderbaren Vorgeschmack darauf, was uns in den Pennines und auf dem Pennine Way erwartet. Vielen erscheinen diese moorigen Hügel eintönig, aber wir werden sie lieben! 🙂

Als wir das Fox House, einen traditionellen Pub an einer große A-Road erreichen, stört es uns wenig, dass der Pub seine Gästezimmer an die Kette „Innkeeper’s Lodge“ vergeben hat: Die Zimmer sind groß und schön, quasi die besten auf dieser Tour!

Tag 46: Fenny Bentley nach Youlgreave

ES GEHT WIEDER! Wie man auf der Karte unschwer erkennen kann, haben wir heute wieder ordentlich Kilometer geschafft. 🙂

Am Morgen wissen wir das allerdings noch nicht. Wir überlegen uns vielmehr verschiedene Exit-Strategien, falls Friedels Knie unterwegs wieder den Dienst verweigern. An bestimmten Wegabschnitten wäre es zum Beispiel möglich, ein Taxi zu rufen, zum Beispiel in Milldale am Ende des Dove Dales oder in Heathcote am Ende des Biggin Dales, wenn wir auf eine Straße treffen.

Jaaa, wir sind in den Dales! Besonders auf das Dove Dale haben wir uns schon lange gefreut, also versuchen wir heute auf jeden Fall, wenigstens dieses erste Tal zu durchlaufen. Durch das Dove Dale führt keine der klassischen Fernwanderwege, aber es liegt auf der klassischen Route von Andrew McCloy und Mark Moxton.

Von Fenny Bentley aus laufen wir zunächst auf demselben Weg wie gestern zurück zum Tissington Trail, überqueren diesen aber nur und laufen über Wiesen und eine kleine Teerstraße zum Dorf Thorpe. Von hier aus ragen plötzlich die ersten grasbewachsenen Kegelberge des Peak Districts hervor. Steinmauern und jede Menge in der Sonne spielende Lämmer erinnern uns an unsere Tour durch die Yorkshire Dales auf dem Coast to Coast Walk. Hübsch, hübsch, hübsch! Wir haben also das Flachland tatsächlich überwunden. Von nun an bleibt es bis Schottland hügelig bis bergig!

Als wir den Parkplatz am Eingang zum Dovedale erreichen, trifft uns dann aber fast der Schlag – MENSCHENMASSEN sind unterwegs! Na klar, heute ist der erste Tag eines langen Wochenendes, die Sonne lacht und es ist das Dove Dale! Tapfer reihen wir uns in den Fluss der Menschen ein, der aber zum Glück nach den Stepping Stones schon nachlässt. Das haben wir schon öfters bemerkt: Wandere von einem Parkplatz aus in einer Menschentraube los, nach drei Kilometern bist du dann aber schon wieder allein.

Von der Geografie her erinnert das Dove Dale viel an unsere Trockentäler auf der Schwäbischen Alb. Aber im Gegensatz zu diesen fließt hier ein sehr hübsches Flüsschen durch das Tal, die Dove.

Je höher wir dem Flusslauf folgen, desto enger und eingewachsener wird das Tal. Große Höhlen erinnern ebenfalls an die Alb: Sowohl die Schwäbische Alb als auch die Felsen im Peak District bestehen aus Jura-Gestein, weshalb man die Gegend hier auch „White Peak“ nennt, nach dem charakteristischen hellen Kalkstein. Dieser ist wasserdurchlässig, sodass sich im Verlauf der Erdgeschichte unterirdische Flüsse durch den Kalk gefressen haben. Erkennbar ist dies an den vielen Höhlen, von denen aber heute viele kein Wasser mehr führen.

Ungefähr in der Mitte des Tals kommen wir in den entzückenden Weiler Milldale, bis hierher wollte sich Friedel auf jeden Fall schleppen. Der Ort besteht aus malerischen Cottages aus grauem Kalkstein, die kleinen Gärten sind allesamt typisch englisch gestaltet. Wir finden es sehr angenehm, dass die Bewohner kein Disneyland aus ihrem Ort gemacht haben, es gibt nicht einmal ein Café, nur einen Kiosk, der Kaffee verkauft. Wir erstehen je einen und auch noch ein paar Flapjacks, die wir uns auch gleich einverleiben wollen. Leider findet sich kein freies Bänkchen, und da es gerade zu regnen begonnen hat, wollen wir uns auch nicht ins nasse Gras setzen. So verzehren wir unsere Zwischenmahlzeit im Stehen und machen, dass wir weiterkommen.

Auf dem Weg zum Biggindale beginnt es richtig zu schütten, aber was soll’s. Is’ halt England, ne?

Am Dalehead angekommen, hört es aber schon wieder auf. Als wir in Heathcote ankommen, hätten wir eine erneute Möglichkeit zur Beendigung der Tour, aber Friedel zeigt sich tapfer – Die letzten acht Kilometer nach Youlgreave will er nun auch noch schaffen.

Ursprünglich wollten wir den von Andrew McCloy vorgeschlagenen Weg durch das Gratton Dale nehmen, aber das wären dann insgesamt 31 Kilometer, das ist uns zu weit. Also geht es von Heathcote aus ein Stück über den bereits bekannten Tissington Trail und dann über kleine Nebenstraßen nach Middleton.

Regen und Sonne wechseln sich ab und es entsteht eine schöne Stimmung beim Ausblick auf das Bradford Dale. Sogar einen doppelten Regenbogen können wir über dem Tal bewundern.

Der letzte Abschnitt durch das Bradford Dale ist noch mal ganz besonders schön. Durch einen dunklen Wald geht es von Middleton aus nach unten, die Talsohle ist voll von moosigen Steinen und Mauern. Der River Bradford führt uns direkt bis nach Youlgreave hinein. Am Ende laufen wir an zwei Fischteichen vorbei, und schon sind wir im Ort.

Das Farmyard Inn ist ein Fuchsbau! Der Schankraum ist unglaublich eng und verwinkelt, aber als Residents können wir einen Tisch reservieren lassen. Selbstverständlich ist das nicht: An diesem Wochenende sind besonders viele Touristen unterwegs, denn dies ist ein Bank Holiday Weekend. Das bedeutet, dass am Montag ein Feiertag ist und dementsprechend viele Engländer an so einem Wochenende eine Kurzreise unternehmen. In der Zukunft werden wir darauf achten und rechtzeitig alles buchen, so nehmen wir uns vor.

Zum Glück hat das Farmyard Inn seine Gästezimmer in einem kleinen Anbau neben dem Hauptgebäude. So verbringen wir eine ruhige Nacht, auch wenn unser Fenster zum Parkplatz rausgeht. Nach den 27 Kilometern sind wir aber auch so erledigt, so dass wir gut schlafen! Überhaupt ist das ein sehr netter Pub, das Farmyard Inn ..

Tag 42: Little Haywood nach Rugeley

Natürlich haben wir das Bier und die Chips heute Morgen gleich bezahlt! 🙂

Wir bekommen ein wunderbares Frühstück an die Tür unseres Apartments geliefert: Frische Croissants, Brot, Käse, Wurst, O-Saft, Obst – da vermissen wir das englische Frühstück gar nicht.

Leider geht es Friedels Knien heute gar nicht gut. Er kommt kaum die Treppe aus dem Schlafzimmer herunter. Den Weg bis zum Kanal zurück schafft er ganz gut, aber die Stufen zum Treidelpfad neben dem Kanal sind auch wieder sehr schmerzhaft. Solange der Weg eben und nicht zu hubbelig ist, geht es, ansonsten verzieht er das Gesicht.

Wir beschließen also schweren Herzens, heute nur den Kanalweg bis nach Rugeley zu laufen. Dort wollen wir einen Bus oder Zug nehmen und so irgendwie nach Uttoxeter kommen. Unsere eigentliches Ziel heute wäre nämlich Uttoxeter und die Unterkunft dort ist schon gebucht. Statt der geplanten 24 Kilometer werden es heute also nur fünf.

Der Weg am Kanal entlang ist mal wieder sehr schön, zumal die Sonne lacht. Wenn Friedel seine Knie heute schont, geht es morgen vielleicht wieder.

So bummeln wir sehr gemütlich durch die Sonne und erreichen nach ca. zwei Stunden Rugeley. Dort nehmen wir einen Bus, der uns nach Lichfield bringt. Dann einen Bus, der nach Burton-upon-Trent fährt. Dann endlich noch einen nach Uttoxeter. Zwischendurch haben wir Zeit, sowohl in Lichfield wie auch in Burton einen Kaffee zu trinken.

Es ist schon 17 Uhr, als wir in Uttoxeter ankommen. Ich habe uns in einem B&B am Ortsrand eingemietet, das im Internet wirklich gute Kritiken bekommen hat. Wir finden den Laden allerdings nur schrecklich. Die Dame am Check-In ist unfreundlich, die Zimmer sind muffig, klein und abgewohnt. Tripadvisor-Rezensenten – habt ihr sie noch alle?

Am Abend regnet es auch noch, also müssen wir im Regen und auch noch bergauf in den Ort laufen. Friedels Knien geht es gar nicht gut, also echt blöd, das wir gerade heute Abend nicht in einem Pub wohnen.

Uttoxeter ist wirklich nichts Besonderes, der Regen tut sein Übriges zu der trüben Stimmung, die der Ort auf uns macht. So gehen wir nach einem frühen Abendessen früh schlafen und hoffen, dass Friedel morgen wieder fit ist.

Tag 45: Ashbourne nach Fenny Bentley

In der Zählung haben wir zwei Tage übersprungen. Friedel kann nämlich immer noch nicht laufen und so werden wir heute wieder Bus fahren müssen. Die gestrige und die für heute vorgesehene Laufstrecke wollen wir später nachholen. Das werden dann die Tage 43 und 44 🙂

Das Ziel für heute ist Fenny Bentley, aber dorthin fährt kein Bus. Der nächste Ort mit Busanschluss nahe Fenny Bentley ist Ashbourne, das wir normalerweise auf dem Limestone Way westlich umlaufen hätten.

Der Bus von Uttoxeter fährt tatsächlich ganz in der Nähe unserer eigentlichen Strecke vorbei und so sehen wir Rocester und Ellastone wenigstens vom Busfenster aus.

In Ashbourne nieselt es und der Ort ist eng und voller Autos. Ich hatte vorher gelesen, dass Ashbourne eine hübsche Marktstadt sein soll. Das mag stimmen, aber vor lauter Autos ist die Schönheit kaum zu erkennen, geschweige denn zu fotografieren. Viel herumlaufen können wir auch nicht, aber immerhin schafft Friedel es einmal durch den Ort.

Wir trinken also Kaffee, essen Scones und machen uns dann auf, die fünf Kilometer nach Fenny Bentley in Angriff zu nehmen.

Eigentlich wollten wir nicht über den Tissington Trail laufen. Aber Bahntracks haben den Vorteil, dass sie eben verlaufen und keine fiesen Auf- und Abstiege vorweisen. So schafft Friedel die fünf Kilometer den Umständen entsprechend ganz gut. Mittlerweile machen wir uns aber schon Sorgen, wie es weitergehen soll – Schließlich können wir nicht jeden Tag Bus fahren!

Da es aber wirklich den ganzen Tag regnet, sind wir nicht allzu traurig, dass wir bald da sind.

Das Bentley Brooks Inn ist ein wirklich gepflegter und gut geführter Laden. Als der freundliche Wirt erfährt, dass Friedel Probleme mit dem Treppensteigen hat, bekommen wir sogar ein Update ohne Aufpreis auf einen ebenerdiges größeres Zimmer. Very nice!

Noch wissen wir nicht, wie wir am nächsten Tag nach Youlgreave kommen sollen. Zwar gibt es einen Bus, aber der fährt nicht am Wochenende. Am Abend übt Friedel ein wenig das Laufen auf dem abschüssigen Parkplatz des Inns, aber es pickt noch immer gewaltig. Nun, wir werden sehen!

 

Tag 41: Penkridge nach Little Haywood

Heute Morgen pickt es Friedel im Knie. Wir messen dem aber noch keine besondere Bedeutung bei. Im Nachhinein können wir uns auch nicht erinnern, dass seine Knieprobleme den Tag groß beeinträchtigt hätten. Aber hat sich das Unglück hier schon angekündigt?

Heute erwartet uns ein „Hubbel“ im Flachland. Cannock Case ist eine „Area of Outstanding Beauty” und erhebt sich auf 242 Meter (Umgebung: Ca. 100 Meter)!

Zunächst führt uns der Staffordshire Way schnell aus Penkridge heraus und damit in die Wiesen und Felder der Umgebung. Zunächst geht es ein kleines Stück am Staffordshire and Worcestershire Canal entlang. Das ist mal wieder so ein richtig hübscher Kanal mit Bäumen und Hecken links und rechts und alten Hausbooten darauf. Leider müssen wir den Kanal relativ bald wieder verlassen, denn der Weg führt uns über braune Felder nach Bednall. Hin und wieder gibt es einen alten Baum zu bestaunen und dazu scheint die Sonne, also haben nichts zu meckern.

Nach Bednall überqueren wir eine A-Road und danach gehr es schon hinauf in den Cannock Chase. Wenig haben wir vorher darüber gelesen und wenig erwartet. Aber der Chase entpuppt sich als echte Schönheit – Ein Birkenwald mit Farnen und Heidekraut, hin und wieder wird der Wald unterbrochen von mit Ginster und Wacholder bestandenen Heideflächen.

Der Staffordshire Way folgt einem hübschen Längstal durch den Chase, das teilweise durch eine wüstenartige Heidelandschaft führt, aber dann auch wieder in den Wald, entlang eines hübschen, von Birken eingerahmten Baches. Zwar wird es im Chase plötzlich wieder empfindlich kalt und es beginnt sogar ein Schneeregen (Mützen raus!) aber wir genießen die fünf Kilometer durch diese wunderschöne Landschaft sehr und werden im Verlauf unserer späteren Wanderung immer wieder Gebiete mit dem Chase vergleichen: „Oh, hier sieht es aus wie im Cannock Chase!“

Die schönsten Abschnitte findet man immer dort, wo man sie am wenigsten erwartet …

Anschließend führt der Weg durch den großen Park von Shugborough Hall. Der trutzige graue Bau mit seiner riesigen Parkanlage gehört heute dem National Trust und wurde zu einer Art Vergnügungspark umgebaut. Neben dem Schloss kann man allerlei Einrichtungen besuchen, die auch mit einem Busverkehr verbunden sind: Eine Windmühle, eine Farm, eine Käserei ..

Zum Glück sind heute an diesem Mittwoch nicht viele Leute unterwegs. Nach der wilden Schönheit des Chase können wir Shugborough Park jedoch nicht viel abgewinnen und lassen den Park schnell hinter uns.

Nun treffen wir auf den River Trent und auf eine wunderschöne historische Bogenbrücke aus dem 16. Jahrhundert. Mit seine vierzehn Bögen ist die Essex Bridge die längste noch erhaltene Lastpferdebrücke in England. Sie überspannt den Trent und hatte im Original sogar vierzig Bögen. Wir machen eine Pause am grasigen Ufer des Flusses, mit Blick auf die Brücke. Da mittlerweile auch wieder die Sonne scheint, können wir uns hier richtig gut entspannen. Es ist erst 14 Uhr und bis zu unserem Ziel sind es nur noch zwei Kilometer.

Direkt neben dem River Trent verläuft auch der Trent and Mersey Canal, dem wir nun bis Little Haywood folgen. Die letzten Kilometer sind wieder allerbestes Kanal-Wandern. Der Kanal ist an dieser Stelle sehr hübsch und zahlreiche Boote fahren vorbei und die Insassen winken freundlich. Im Hintergrund des Kanals stehen die baumbestandenen Hügel vom Cannock Chase.

Unsere Unterkunft in Little Haywood ist etwas skurriler Art: Wir wohnen im Dorfladen. Beim Eintritt in den Laden klingelt eine alte Glocke und die Besitzerin führt uns in den hinteren Teil des Ladens und durch eine Tür in ein kleines Nebengebäude. Voilá – hier ist unser kleines Ferienapartment mit Küche und Wohnzimmerchen im Erdgeschoss. Das Schlafzimmer und das Badezimmer sind über eine steile Treppe zu erreichen. Das alles ist ausgesprochen hübsch renoviert und geschmackvoll dekoriert. Es gibt sogar eine Fußbodenheizung!

Wir genießen unseren „freien Nachmittag“, baden ausgiebig und lesen auf dem Sofa. Am Abend wollen wir zum Essen in den lokalen Pub. Das erweist sich aber als schwierig, weil gerade am heutigen Abend die Küche geschlossen ist. Die Gäste im Pub nennen uns aber noch einen anderen Pub etwas außerhalb des Ortes, in dem wir noch etwas zu Essen bekommen – wir können  nur zwischen zwei Gerichten wählen, aber das ist uns egal – Hauptsache etwas zwischen die Kiemen!

Zurück pickt es Friedel ganz ordentlich in den Knien. Wir schaffen es aber noch bis zum Village Store und zücken unseren Schlüssel, um quer durch den dunklen Laden zu laufen und unsere Apartment zu erreichen. Unterwegs sacken wir noch eine Packung Pringles und eine Flasche Bier ein. Really handy!

Ein Schelm, wer böses dabei denkt – natürlich bezahlen wir das am nächsten Morgen!

Tag 40: Shifnal nach Penkridge

So schlimm war’s gestern nicht. Wir wachen ohne Kater auf und freuen uns über Judys leckeres Frühstück (Mike schläft noch) .

Der heutige Tag beginnt bedeckt, aber es regnet nicht. Zunächst müssen wir auf einer Ausfallstraße aus Shifnal hinauslaufen. Die Straße ist dicht befahren und hat keinen Seitenstreifen.  Das mögen wir wirklich nicht. Wir laufen noch unter dem lauten Motorway 6 durch, aber dann ist endlich Ruhe. Hier treffen wir auf den Monarch’s Way und folgen diesem auf den nächsten acht Kilometern bis zum Boscobel House.

An dieser Stelle ein paar Anmerkungen zum Monach’s Way: Er ist mit seinen 932 Kilometern einer der längsten Wanderwege Englands und beschreibt den ungefähren Fluchtweg des katholischen Monarchen Charles des Zweiten, als er im 1651 nach der Schlacht von Worcester nach Brighton an die Südküste Englands fliehen musste. Auf seiner Flucht versteckte er sich unter anderem im Kloster „White Ladies“ und im Boscobel-House. Das Symbol des Weges ist das Bild einer hohlen Eiche, in der er sich auf dem Boscobel-Estate vor seinen Häschern versteckt haben soll.

Teile des Monarch’s Way sind wir schon im Abschnitt 3.1 gelaufen, als wir in Somerset unterwegs waren. Wir grüßen also den Monarchen als alten Bekannten und freuen uns über das Wiedersehen. Bei der Gelegenheit fällt uns auf, dass es so etwas in Deutschland nicht gibt: Fernwanderwege, die nach historischen Begebenheiten konzipiert wurden. Bei uns hätte man daraus vermutlich die „Straße der Gegenreformation“ (*hihi!*) gemacht: Eine Autostraße halt!

Viel Spektakuläres gibt es nicht zu berichten über diese acht Kilometer. Der Weg führt größtenteils über Feldwege, teilweise mit alten Bäumen bestanden. In der Ferne blinkt manch blühendes Rapsfeld, alte Zäune und Hecken stehen am Weg. Es gibt nichts Besonderes zu sehen, aber uns gefällt es trotzdem. Eigentlich hatten wir keine besonderen Erwartungen an diesen Tag – Wir haben uns immer vorgestellt, hier schnell durchzulaufen, um den Abschnitt zwischen Wenlock Edge und dem Beginn dem Peak District zu überwinden. Auf der Karte sieht der Monarch’s Way nach nix aus – aber was auf der Karte nicht eingezeichnet ist, sind die Hecken, die alten Bäume, die Zäune, der Wind …

Wer einmal durch eine ostwestfälische oder niedersächsische Agrarlandschaft gewandert ist, der weiß zu schätzen, wie lieblich die englischen Landschaften sind. So hat es wahrscheinlich auch bei uns in Deutschland ausgesehen, bevor die Flurbereinigungen der 80er-Jahre die Landschaft eingeebnet haben. Auch wenn wir den Traditionalismus der Engländer manchmal belächeln – hier gibt es noch die Liebe für’s Detail!

Ein echtes Highlight heute sind die Ruinen des alten Klosters „White Ladies“. Hübsch liegt das Gemäuer inmitten von Feldern und Wiesen, kein Mensch ist in Sicht. Hier verbringen wir eine sonnige, ruhige Mittagspause, die alten Mauern schützen uns sogar vor dem Wind und es wird richtig warm, wenn die Sonne auf die Mauern scheint.

Im Boscobel House hoffen wir auf einen Kaffee, aber leider ist es heute geschlossen. Wir können den Tudor-Bau aber von der Straße aus bewundern und statten auf jeden Fall der „Königlichen Eiche“, in der sich der flüchtende König versteckt haben soll, einen Besuch ab. Die originale Eiche steht schon einige Jahre nicht mehr, so dass wir uns mit einem gepfropften Exemplar begnügen müssen – nun ja, eine eher mittelmäßige Attraktion. Zum Glück bedeutete der Besuch keinen besonderen Umweg für uns.

Ab Boscobel House verlassen wir den Monarch’s Way, denn dieser würde uns über einen Umweg erneut nach Süden führen. Stattdessen laufen wir über die ehemalige „Black Ladies Priory“ bis zum Belvide Reservoir. „Black Ladies“ ist in einem wesentlich renovierterem Zustand als seine weiße Schwester – Als Kloster nicht mehr erkennbar, präsentiert es sich heute als stattliches Herrenhaus aus roten Ziegeln und trutziger Mauer herum. Der umliegende Wassergraben erinnert an westfälische Wasserschlösser unserer Kindheit.

Weiter laufen wir verschiedene „Public Footpaths“ bis zum Shropshire Union Canal. Hier bewundern wir wieder die Einrichtung des „Right of Way“ in England: Ist ein historischer Weg einmal auf einer Ordnance Survey Karte eingezeichnet, darf er nicht mehr gesperrt werden. So führt auch hier ein Trampelpfad quer durch das Feld, was dem Bauern vermutlich gar nicht behagt, aber er muss es dulden. Im Gegensatz dazu ist in Deutschland dieses Wegerecht viel mehr der Willkür der jeweiligen Landbesitzer ausgesetzt – Akzeptiert der Landbesitzer Spaziergänger, ist alles einfach. Ist er jedoch ein alter Miesepeter, kann er jahrhundertealte Wege unterpflügen und sperren.

Toll finden wir auch wieder, wie viele uralte und knorrige Bäume in den Wiesen stehen. Auch sie wären in Deutschland schon längst der Ökonomie einer barrierefreien Felderwirtschaft zum Opfer gefallen. Genau dafür lieben wir dieses Land, dass es sich nämlich so oft „dem Fortschritt“ widersetzt! Ob das auch für den Brexit gilt!?

Wir überqueren den Shropshire Union Canal bei Lapley und der Lapley Wood Farm. Eine Zeitlang bleiben wir auf der Brücke stehen, um den vorbeifahrenden Longboats zuzuschauen. Wenn wir mal irgendwann alt sind und nicht mehr laufen können, dann werden wir Bootsfahrer!

In Lapley ist uns an der Kirche noch eine Rast vergönnt, aber nun beginnt es zu regnen, und zwar heftig! Die letzten Kilometer hasten wir über Asphaltstraßen, bis wir total durchnässt, aber zum Glück sauber-nass Penkridge und unser Ziel, das „Littelton Arms“ erreichen. An der Bar spottet ein versoffener Stammgast über unseren Aufzug, aber der Mann hinter der Bar verzieht keine Miene. Wie selbstverständlich begleitet er uns begossene Pudel zu unserem Zimmer.

Übrigens hat der Regen fünf Minuten nach unserer Ankunft aufgehört ..

Auch das Littleton Arms ist ein angenehmer und bequemer Gasthof für uns Wanderer. Dank unserer Internetrecherche liegen wir mit der Wahl unserer Unterkünfte selten daneben. Den einen oder anderen Ausreißer gibt es schon, und das sowohl nach unten als auch nach oben. Dieses Inn ist jedenfalls solide Qualität und dennoch nicht teuer!

Tag 39: Much Wenlock nach Shifnal

Nachdem die gestrige Etappe eher lang war, möchten wir uns heute etwas schonen. Heute steht eine abwechslungsreiche, aber eher flache Etappe auf dem Plan: Zunächst der Abstieg in die Ironbridge Gorge (Schlucht des River Severn) mit der weltberühmten Iron-Bridge, dann geht es weiter über einen alten Bahntrack durch die Schlucht, immer am Fluss entlang und damit durch die Wiege der Industrialisierung. Von hier aus begann die Industrielle Revolution.

Was wir heute Morgen jedoch noch nicht wissen: Der Abstieg in die Gorge wird ein echter „Kniekracher“. Wir gehen den Weg hier zu schnell, so dass Friedel sein Knie überlasten wird und für ein paar Tage ausfällt. Aber heute Morgen wissen wir das noch nicht! 🙂

In Much Wenlock nehmen wir uns zunächst ein wenig Zeit für das sehenswerte Fachwerk-Örtchen. Besonders prächtig ist die alte Gilden-Halle, deren Interieur wir aber zu unserer frühen Stunde nur durch das Fenster betrachten können. Geschlossen ist auch noch das Kloster der heiligen Milburga, wir sehen nur die Mauern der äußeren Einfassung. Das ist sehr ärgerlich, aber so geht es uns häufig – Wir sind oft einfach schon zu früh unterwegs, um die kulturellen Highlights am Weg mitzunehmen. Heute sind wir sogar schon um halb neun gestartet. Wir überlegen ernsthaft, ob wir noch bis zehn Uhr warten sollen, bis das Kloster seine Pforten öffnet – Aber dann siegt die Wanderlust in uns. Also auf zur Severn-Schlucht!

Unser Weg heute ist wieder der Shropshire Way. Wir werden ihm bis zur Iron-Bridge folgen.

Zunächst geht es wieder über Wiesen und Weiden bis Benthall Edge, also zum Rand der Schlucht. Heute Morgen ist es bedeckt, aber es regnet nicht. Unterwegs begegnen wir vor allem vielen Schafen und einigen alten Bäumen.

Die Schlucht und den Wald erreichen wir gegen zehn Uhr, und nun beginnt der steile Abstieg in die Ironbridge Gorge. Den Leser mag es verwirren: Die Severn-Schlucht (Severn Gorge) wurde in Ironbridge George umbenannt, als das komplette Gebiet eine Unesco-Weltkulturerbestätte wurde. Der Ort neben der Iron Bridge heißt Ironbridge. Alles klar?

Jedenfalls haben es die 150 Meter Abstieg in sich. Beim Abstieg durch den Wald bieten sich trotzdem immer wieder Blicke auf die vier Kühltürme des  Atomkraftwerks, das am Rand der Schlucht liegt. Riesendinger – ähhh … befremdlich.

Der River Severn – diesem längsten Fluss Großbritanniens sind wir schon mehrmals begegnet. Auf unserer Somerset Tour (Abschnitt 3.1) haben wir den Fluss bereits an seinem Ende mit dem „Second Severn Crossing“ überquert. Aber das erste Mal sind wir ihm nahe seines Ursprungs bei Llanbrynmair begegnet: Hier waren wir 2014 bei unserer Offa’s Dyke / Glyndwr’s Way-Tour unterwegs. Nahe des Ursprungs haben wir zwei wunderbare Tage bei Peter auf seiner Cwmbiga-Farm erlebt. Highly recommended! 🙂

Bei unserer Ankunft im Tal erwartet uns schlechtes Wetter. Die Iron Bridge im Regen – aber was ist so besonderes an dieser Brücke? Nun ja … wenn man es nicht wüsste, würde man es kaum bemerken: Es handelt sich hier um die älteste gusseiserne Brücke der Welt! Vorher gab’s nur Holzbrücken. 1779 war die Einweihung. Aber warum wurde das ganze Tal zum Weltkulturerbe? Großbritannien war damals die vorherrschende Industrienation weltweit. Diese Brücke symbolisiert die Vorherrschaft Englands bei der Industrialisierung weltweit – und wir würden behaupten, dass Großbritannien bis heute von diesem Ruhm zehrt :-).

Im Tal finden sich weitere Relikte des Beginns des Industriezeitalters: Kalköfen, Stollen, uralte Transportbahnen. Als wir hinter dem Ort Ironbridge (der Ort hat einige nette Cafés) auf einem alten Bahntrack dem River Severn folgen, treffen wir auf zahlreiche Relikte der alten Industrie. Wir sind schwer davon beeindruckt, denn von hier aus hat das moderne Zeitalter begonnen – und hat unserer Meinung nach die Welt mehr verändert als jedes andere …

Im Verlauf unsere Reise werden wir besonders in Nordengland auf weitere Stationen der Industrialisierung treffen: Nach der Gewinnung von Rohstoffen in der Severn-Schlucht folgte die Einführung von Dampfmaschinen, die Errichtung von mechanischen Webstühlen, die Suche nach Rohstoffen in Cornwall (siehe Abschnitt 1) und anderen Teilen der Welt …

Als wir die Severn Bridge verlassen, müssen wir uns Regenjacken überwerfen. Aber nicht zu lang – Der Regen dauert nicht an. Schon bald scheint die Sonne wieder, und auch die Temperaturen steigen!

Ab Ironbridge folgen wir ca. 2,5 Kilometer dem Severn Way, allerdings nur bis zu einer Fußgängerbrücke beim „Tar Tunnel“, wo wir den Fluss überqueren. Wir besuchen den Tunnel nicht, weil uns bis heute nicht einleuchtet, was die Besonderheit einer Sehenswürdigkeit darstellen soll, bei der Besucher mit einem speziellen Schutzhelm ausgestattet werden, der sie vor dem massiven Teer-Regen von oben beschützen soll .. nun ja ..

Die Außenanlagen nahe des Tunnels sind (heutzutage) sehr hübsch. Ein Fähranleger führt zu alten Gleisanlagen, deren Schienen verbogen nach oben zu einem alten Stollen führen. Wir steigen neben den Gleisen nach oben – what goes down, must go up! Allerdings geht es auf dem „Monarch’s Way“ nur circa einhundert Meter hoch. Oben verirren wir uns erst mal im Gewirr der Fußpfade. Da wir aber mittlerweile die tolle App von Ordnance Survey haben, finden wir Weg und Richtung im Nu.

Der Monarch’s Way führt und zunächst durch ein Waldgebiet und dann am Rande eines Golfplatzes zu einer Straße. Diese sieht auf der Karte relativ harmlos aus, entpuppt sich in der Realität jedoch als recht dicht befahren. Wir sind froh, dass wir sie in Brockton verlassen können. Brockton selbst entpuppt sich als Ansammlung einiger hübscher und gepflegter Herrenhäuser.

In Kemberton mache wir Rast an der alten Kirche aus dem 18. Jahrhundert. Aus der Perspektive von Wanderern schätzen wir Kirchen und ihre Friedhöfe besonders: Fast immer findet sich auf dem Kirchhof eine hübsche Bank und eine ruhige Rastmöglichkeit, inklusive hübscher Fotomotive für Friedel.

Nach Kemberton folgen wir dem Monarch’s Way bis zur alten Mühle, wo wir nach links in einen namenlosen Public Footpath abbiegen. Der Weg folgt dem Wesley Brooke nach bis Sunnyside: Ein hübsches Stück Weg, vor allem im nachmittäglichen Sonnenschein. Es geht durch Wiesen und durch irgendwelches hübsches Dickicht, leider kennen wir die Pflanzennamen nicht. Bei Sunnyside geht es wieder bergauf. Da wir noch nicht ausgelastet sind, machen wir eine Pause auf dem Lodge Hill, 114 Meter hoch, aber hübsch windig!

Nun geht es nach Shifnal. Den Ort haben wir allein aufgrund seiner Übernachtungsmöglichkeiten gewählt und er verfügt über keine Sehenswürdigkeiten. Wir kommen in der Anvil Lodge unter, einem B&B mit Pub-Anschluss, Die Besitzer betreiben das alte Anvil Inn sozusagen noch als Hobby, servieren aber kein Essen. Die Zimmer sind groß, schön und modern und wir haben gaaaar nix zu meckern!

Am Abend essen wir in einem Pub irgendwo auf der Highstreet von Shifnal. Dieser ist nicht der Rede wert, das Essen und das Ambiente sind eher schlecht. Ich glaube – nein ich weiß – es war das Wheatsheaf Inn … Egal, es füllt den Magen und Friedel und ich sind nicht besonders anspruchsvoll, wenn der Preis stimmt. Zu einem Absacker gehen wir noch ins Anvil Inn, zu unserem „Gastvater“ Mike. Der erklärt Friedel und mir dann auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Biersorten. Wir probieren verschiedene Varianten von Bier und auch von Cider, die uns Mike empfiehlt, und kommen mit diversen „Locals“ ins Gespräch. Am Ende landen wir mehr oder weniger angeschiggert und glücklich in unserem naheliegenden Bett. Auch wen Shifnal „kulturell“ nicht viel zu bieten hat – Wir mögen es!

Tag 38: Craven Arms nach Much Wenlock

Am Vorabend sind wir gegen 20:30 Uhr in Craven Arms angekommen. Von Manchester haben wir direkt einen Zug genommen und mussten nur einmal in Creve umsteigen. Im Dezember sind wir schon mal nach Manchester geflogen, um die Weihnachtsferien im Lake District zu verbringen. Bei der Gelegenheit hatten wir die Stadt schon besichtigt.

Um einen lückenlosen Anschluss von der letzten Etappe, dem Offa’s Dyke in Knighton zu gewährleisten, hätten wir eigentlich in Knighton starten müssen. Aber dorthin wären wir so spät am Samstag nicht mehr gekommen. Da wir später den Offa’s Dyke auch noch zu Ende laufen wollen, werden wir ein anderes Mal die 20-Kilometer-Strecke von Craven Arms nach Knighton wandern – Vorerst geht es nach Nordosten!

Das Stokesay Inn in Craven Arms ist ein eine typische Pub-Unterkunft: Das Zimmer ist groß und bequem, und Abendessen, Ale und Frühstück sind somit garantiert: Ein guter Start!

Da das Frühstück erst um acht Uhr serviert wird, stehen wir am Morgen früh auf und statten noch vor dem Frühstück dem naheliegenden Stokesay Castle einen Besuch ab. Natürlich ist das Castle geschlossen, aber dafür haben wir es für uns allein! Im Frühlicht zwischen sieben Uhr und halb acht gelingen uns ein paar schöne Aufnahmen, auch der Friedhof neben dem Castle ist sehr hübsch. Das mag auch daran liegen, dass gleich am Morgen schon die Sonne lacht, und die Frühsonne ist für Fotos ja oft am schönsten.

Schon um neun Uhr sind wir auf dem Weg nach Wenlock Edge. Shropshire ist im Westen an der Grenze zu Wales eher bergig, wird jedoch in Richtung Osten immer flacher, bis es in das flache Gebiet der Midlands übergeht. Wenlock Edge ist eine Hügelkette, die weit bis in das Flachland hineinragt: Für uns die Gelegenheit, die Kilometer durch das nachfolgende eher unattraktive Flachland möglichst gering zu halten. Unser Ziel für heute ist Much Wenlock, das am Ende dieser Hügelkette liegt.

Als wir loslaufen, ist es noch „crisp“, wie der Engländer sagen wurde: Frisch. Der Frühling hier ist im Vergleich zu Deutschland mindestens zwei Wochen zurück. Mützenwetter!

Bis zum Weiler Strefford laufen wir auf unmarkierten öffentlichen Wegen in der Nähe des River Onny entlang. Hier entdecken wir schon, was uns in den Midlands insgesamt begeistert wird: Alte Bäume! Wir laufen über Wiesen den Fluss entlang, und immer wieder sehen wir alte Baumriesen – in Deutschland hätte man sie schon längst gefällt, weil sie im Weg rumstehn!

In Strefford geht es hoch, aber nicht zu arg. Circa 150 Meter „erhebt“ sich Wenlock Edge über die umgebende Landschaft. Genug, um einen grandiosen Ausblick zu beiden Seiten zu liefern. Außerdem ist hier Bluebell-Country: Das „Kleine Hasenglöckchen“ steht in Massen zwischen den Bäumen. Dank einer Website, die alle wichtigen Standorte des Hasenglöckchens in England aufführt, hat sich Steffi auch schon reichlich darauf gefreut und wird nicht enttäuscht!

Der Weg, auf den wir hier oben treffen, ist der Shropshire Way. Ihm werden wir im Verlauf des Tages größtenteils folgen, aber auch hin und wieder auf den Jack-Mytton-Way ausweichen, wenn uns dieser attraktiver erscheint.

Links und rechts des Weges öffnet sich die Landschaft vor uns, Wiesen, Hecken, Hügel. Rechts geht der Blick in die Ferne, bis auf die farnbestandenen Hügel des Long Mynd, rechts auf den Brown Klee Hill. Da die Bäume noch wenig belaubt sind, ist der Ausblick grandios.

Im Laufe des Vormittags wird es richtig warm, so dass wir gegen elf Uhr schon die erste Teepause im Sonnenlicht abhalten können. Gegen 14 Uhr kommen wir am Wilderhope Manor an, einem alten Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert, das nun als Jugendherberge genutzt wird. Der Bau ist trotz der öffentlichen Nutzung noch immer prächtig, und obwohl die Jugendherberge eigentlich erst wieder gegen Abend aufmacht, bekommen wir einen Kaffee und zwei Twix. Obwohl hier eigentlich Selbstbedienung angesagt ist, bekommen wir als ehrenhafte Wanderer den Kaffe sogar serviert! Wir genießen eine halbe Stunde im Sonnenlicht auf der Terrasse und führen noch ein nettes Gespräch mit dem Herbergsvater. Vielleicht sollten wir hin und wieder mal in einer Jugendherberge übernachten?

Am Nachmittag folgen wir ab Wilderhope Manor größtenteils dem Jack Mytton Way, der auf einem alten Bahntrack verläuft. Wir laufen gern auf Bahntracks: Sie sind größtenteils ebenerdig, es ist historisches Gelände und es gibt allerhand Abwechslungsreiches zu bestaunen, wie zum Beispiel alte Brücken, Bahnwärterhäuschen, alte Bahnhöfe .. ähnlich interessant sind auch Wege an Kanälen entlang 🙂

Von Wilderhope Manor bis nach Much Wenlock sind es noch mal knapp zwölf Kilometer, aber auf diesem angenehmen Untergrund ist das kein Problem. Gegen Abend gibt es kurz vor unserem Ziel noch tolle Ausblicke im goldenen Abendlicht in Richtung Nord.

Wir übernachten im Gaskell Arms, einem der drei größeren Gasthöfe in Much Wenlock. Der Gasthof wirkt konservativ-gediegen, mit einem hübschen Biergarten im Hof, in dem wir gegen 17:30 Uhr unser Willkommens-Ale trinken. Heute war ein langer Wandertag zum Einstieg, aber dank des angenehmen Geländes und des schönen Wetters haben wir ihn grandios gemeistert!

 

Abschnitt 4: Die Midlands und White Peak

Wir freuen uns, dass wir dieses Mal nach Manchester fliegen können: Seit kurzem bietet Ryanair einen (fast) täglichen Direktflug von Stuttgart nach Manchester an. Midlands, wir kommen!

Über die Wegführung dieser Tour freuen wir uns besonders: Dieses Mal folgen wir keinem markierten Weg, sondern haben uns – wie auch schon in Somerset (Abschnitt 3) –  den Weg aus verschiedenen lokalen Wanderwegen zusammengebastelt. Hierbei galt es, einen attraktiven Weg durch das eher langweilige Flachland zwischen Wales und dem Peak District zu finden.

Unsere Tour führt uns dieses Mal also durch das hügelige Shropshire über Wenlock Edge und die Ironbridge-Schlucht, dann durch das Flachland bis zum Cannock Chase, einer hügeligen „Area of Outstanding Beauty“. Von dort aus wandern wir entlang des Trent-and-Mersey Canal bis nach Rugeley.

Hier hätten uns nun zwei Tage Weg durch das Flachland erwartet, aber leider hat Friedel Knieprobleme und wir fahren stattdessen mit dem Bus bis nach Ashbourne.

Hier erwarten uns der Peak District (White Peak) und die Kalkstein-Berge Süd-Yorkshires. Wir hoffen auf eine abwechslungsreiche Tour durch verschiedene Landschaften und werden am Ende der Tour bei Marsden auf den legendären Pennine Way treffen.

Fazit nach der Tour: Insgesamt war die Tour sehr abwechslungsreich und wir waren sehr zufrieden mit unserer Wegführung. Die drei ausgelassenen Tage wollen wir jedoch später nachholen …