Nordseeküstenradweg von Brunsbüttel nach Otterndorf

75 Kilometer, 113 Höhenmeter
Gefahren am 24. Mai 2023

Die Qualität einer Wanderung oder eines Radwegs bemisst sich bei uns an einem elementaren Faktor: Wie viele Fotos haben wir gemacht?

Wenn wir nur wenig fotografieren, liegt das meist daran, dass a) das Wetter sehr schlecht oder b) die Strecke saulangweilig ist. Zum Gähnen bringen uns natürlich auch Wiederholungen bei Elementen in der Landschaft, die uns vor Tagen noch begeistert hätten, aber mittlerweile für uns keine Besonderheit mehr darstellen. So haben wir heute zum Beispiel kein einziges Friesenhaus mit Reetdach mehr fotografiert, obwohl wir einige sehr schöne gesehen haben. In ihrer ständigen Wiederholung werden sie langweilig!

Auch gibt es heute kein irrisierendes Lichtspiel im Strandhafer oder im Weizen zu betrachten. Das Wetter heute ist grau, hellgrau, mittelgrau, etappenweise mit Nieselregen, da ist nix mit Lichtspielen!

Am Morgen radeln wir frisch und munter zum Brunsbüttler Hafen herunter und gucken doof, als unser Radweg plötzlich an einer Fährstation mündet. Wir wundern uns, das wir die Elbe hier schon überqueren können. Eine genauere Nachfrage bei dem freundlichen Mann mit der gelben Weste ergibt jedoch, dass es sich bei dem breiten, vor uns liegenden Gewässer mitnichten um die Elbe handelt, sondern nur um den Nord-Ostsee-Kanal. Den müssten wir auf jeden Fall überqueren, sonst kämen wir nicht zur Elbfähre nach Glückstadt. Nun denn, ihr Landratten!

Nach der kurzen Überfahrt radeln wir die Elbe landeinwärts, meistens hinter dem Deich. Grünes, Gras, Schafe, vollgekotete Wege. Wenn wir mal einen Blick auf die Elbe erhaschen, ist der Eindruck gewaltig – die Elbe ist hier breiter als der Bodensee!

Das Highlight des Tages ist dann die Elbüberquerung per Fähre von Glückstadt nach Wischhafen. Sie dauert 25 Minuten. Danach sind wir so durchgefroren, dass wir am anderen Ufer unbedingt einkehren müssen und uns bei Fischbrötchen und einem Becher Kaffee aufwärmen.

Hier knicken wir ein und checken die Optionen bei booking.com. Es gibt zwei recht teure und ein akzeptables Hotel in Otterndorf. Das letzte verfügbare Zimmer im billigen Gasthof ist im Nullkommanix gebucht!

Friedel denkt, dass ich gerne campe. Das stimmt prinzipiell schon – aber doch nicht bei 13 Grad und Nieselregen und mit Blick auf ein Knaus-Sun-Wohnmobil statt auf eine Bergkette in den Schottischen Highlands!

Nach der Fährfahrt geht es die Elbe wieder rauf. GEGEN DEN WIND! Zwar weht der heute nicht so stark wie gestern, aber beträchtlich, beträchtlich. Da ist ja gerade das Fiese: Wäre der Wind so richtig gemein, würden wir die Tour verkürzen, aber so strampeln wir stramm weiter.

Meistens radeln wir hinter dem Elbdamm, also „achter Diek“: Wir passieren eine Reetdachvilla nach der anderen. Neid kommt bei uns aber keiner auf, denn wir wissen: VOR dem Deich lauert die gähnende Leere. Einmal wagen wir uns trotzdem in das „vor dem Deich“. Acht Kilometer radeln wir im strammen Gegenwind durch eine komplett reizarme Landschaft – So etwas gibt es sonst vermutlich nur in den amerikanischen Panhandles oder in der Inneren Mongolei! Von der Elbe sehen wir nichts – aber hinter den Rapsfeldern und dem Schilfgraben tauchen immer wieder gespenstische riesenhafte Schiffe im Dunst auf!

Wir merken: Es reicht uns. Ohne Groll beschließen wir – mit Aussicht auf den Pfingstverkehr bei der Deutschen Bahn – dass wir morgen nur noch bis Cuxhaven radeln und dann nach Hause fahren. In etwa sechs Wochen werden wir wieder unterwegs sein, das macht uns die Entscheidung leicht. Zuhause lege ich aber den Fuß hoch!

Nordseeküstenradweg von Tönning nach Brunsbüttel – Gottseidank mit Rückenwind!

87 Kilometer, 306 Höhenmeter
Gefahren am 23 Mai 2023

In der Nacht hat es ordentlich gestürmt und geregnet und wir sind froh, das wir nicht draußen schlafen mussten.

Für heute ist besseres Wetter angesagt, aber davon merken wir morgens erst mal nichts. Wir starten im Nieselregen und es stürmt!

Tönning Hafen

Bei starkem Gegenwind kämpfen wir uns südwestlich aus Tönning heraus. Na, das kann ja heiter werden heute! Wir kommen kaum von der Stelle und schweinekalt ist es auch noch.

Mit Bedacht haben wir für heute Abend noch keine Unterkunft gebucht. Wenn das hier weiter so stürmt, kehren wir um oder fahren nur 35 Kilometer bis Büsum, nehmen wir uns vor.

Auf der riesigen Staumauer des Eider-Ästuars kommt uns eine dänische Reisegruppe zu Fuß entgegen. Alle sind tief in ihre Kapuzen vermummt und verziehen die Gesichter. Es gibt noch andere Verrückte außer uns, die bei dem Wetter unterwegs sind!

Wunderweise haben wir aber mit unserer Richtungsänderung nach Süden plötzlich Rückenwind. Wir fliegen förmlich über den Deich, müssen nicht mal treten und rollen mit 22kmh einfach weiter!

Wie gestern gibt es nicht viel zu sehen. Gras, Deich, Schafe, Feuchtwiesen. Die Besichtigung von Büsums Innenstadt lassen wir aus, es ist einfach zu ungemütlich. Dafür gönnen wir uns einen Kaffee und Käsebrötchen in einer Bäckerei.

Beim Meldorfer Hafen verlassen wir die Küste und fahren landeinwärts. Sofort ändert sich die Landschaft. Wald! Hügel! Feldblumen!

Gegen Mittag beschließen wir, dass wir heute wieder nicht campen wollen. Es ist einfach zu windig und zu ungemütlich. Zwar lässt sich ab und zu mal die Sonne kurz blicken, aber insgesamt sind die Bedingungen nicht ideal.

Die spontan über booking gebuchte kleine Ferienwohnung in Brunsbüttel ist mal wieder ein echter Glücksgriff. Es ist so gemütlich hier, dass wir beschließen, heute „zuhause“ zu essen und den Abend auf dem Sofa zu verlümmeln. Immerhin schaffen wir es noch, kurz mal auf den Deich zu steigen und zu schauen, ob es dahinter Wasser gibt.

Gibt es!

Nordseeküstenradweg von Dagebüll nach Tönning – Unendliche Weiden!

Schiffswrack mit Hallig

84 Kilometer und irrsinnige 73 Höhenmeter
Gefahren am 22. Mai 2023

Wer auf diesem Abschnitt des Nordseeküstenradwegs unterwegs ist, braucht Geduld, Ausdauer und viel Sinn für´s Detail!

Für heute Nachmittag gibt es eine Wetterwarnung: Sturmböen, Starkregen und Gewitter ab 15:00 Uhr. Für uns ein Grund, doch wieder ein Last-Minute-Hotelzimmer zu buchen und heute mal nicht zu bummeln.

Der alte Leuchtturm in Dagebüll ist das letzte größere Gebäude für die nächsten 40 Kilometer. Wir fahren auf glatten, aber ziemlich zugesprenkelten Wegen immer vor oder hinter dem Deich, umgeben von tausenden Schafen und … Gras!

Beim Radeln in eher reizarmer Umgebung fallen einem kleine Details in der Flora und Fauna auf. Die Schafe dieser Weide sehen ein wenig anders aus als die zuvor. Es gibt die bräunlicheren oder beigeren, die mit längeren Gesichtern oder die mit schweine-ähnlicher Statur. Die einen sind neugierig, die anderen eher teilnahmslos. Dann gibt es die mit den großen Ohren, die fast intelligent aussehen – man sieht sie fast immer nur von Weitem. Aber fast allen ist gemein, dass sie immer fressen und wenig scheu sind, ganz anders als die schottischen Schafe oder die aus Yorkshire!

Ein Stück England in Nordfriesland ..

Unterschiedlich sind auch die vielen Nuancen der Feuchtwiesen, die wir passieren: Die einen sind grün und der Bewuchs eher zart, die anderen sind bräunlich und besenartig. Es gibt auch üppige, mit Sumpfgras bewachsene. Nur eins sehen wir nicht – das Meer!

In der Ferne erkennen wir ein paar dunkle Erhebungen, wie Schiffe, am Horizont – das sind die Halligen und deren Gehöfte, auf Warften angelegt. Auf die Hallig Neuwarft führt sogar eine Transportbahn, deren Schienen wir überqueren. Wow!

Alle etwa 800 Meter gibt es ein Schafgatter, dass es zu öffnen und zu durchfahren gilt. Eine willkommene Abwechslung, die verhindert, dass wir uns in der Kontemplation verlieren. Quietsch, Krach, hallo wach! Es sind etwa dreißig, bis ich mit den Zählen aufhöre.

Das alles klingt sehr negativ, aber das ist es nicht. Bei angenehmen Temperaturen radeln wir nahezu mühelos dahin, der Wind hält uns nur etappenweise auf. Vielmehr kühlt er angenehm, wo es streckenweise recht schwül ist. Jede(r) hängt seinen eigenen Gedanken nach und Autos und andere Lärmquellen gibt es kaum. Hin und wieder umschwirren uns Schwalben oder Lerchen und die Schafe blöken in unterschiedlichsten Stimm-Varianten.

Husum

Eine unwillkommene Unterbrechung ist Husum. Eigentlich ist die Stadt ganz nett, aber sie ist dem Flow hinderlich. Gut genug für einen Einkauf und eine A-Pause mit Kaffee on the fly. Weiter geht‘s zurück an den Deich!

Bis Tönning sehen wir kein Meerwasser. Wir passieren Priele, Siele und Brackwasser-Seen, auch Abschnitte mit klassischem Watt. Da habe ich hier eine tolle Strecke ausbaldowert, aber die Tide nicht beachtet!

Tönning

Tönning ist ein nettes Örtchen, das wir jedoch komplett im Regen erleben, Immerhin haben wir den Ort noch vor dem Starkregen erreicht.

Fazit des heutigen Tages: Tolle Tour, aber bitte nicht jeden Tag. Ein bisschen abwechslungsreicher sollte es auf Dauer schon sein …

Auf dem Festland kurz vor Tönning

Querfeldein von der Ostsee zur Nordsee – Nur fliegen ist schneller!

Flensburg nach Dagebüll, 62 Kilometer, 170 Höhenmeter
Gefahren am 21. Mai 2023

Heute ist das Fahrgefühl so, wie wir uns das Radeln im Hohen Norden vorgestellt haben. Es ist flach, flacher, am flachsten und einmal angefahren, heißt es nur noch Rollen!

Den einzigen nennenswerten Anstieg heute haben wir direkt in Flensburg. Nach dem Hafen geht es einmal ordentlich bergauf und dann nur noch runter. Der Hafen ist heute am Sonntagmorgen übrigens wesentlich ruhiger als gestern!

Interessant ist, dass uns auf flachen und asphaltierten Routen immer sehr schnell der Hintern wehtut. Alle 20 Kilometer müssen wir mindestens eine „Arschpause“ machen. Da es sich hier um keine touristische Strecke handelt, ist es nicht so einfach, Pausenplätze zu finden. So rasten wir auf dem Dorfplatz von Medelby und an einer Bushaltestelle im Nirgendwo zwischen Medelby und Niebüll.

Medelby
Pause 2

Wegequalität heute: Landstraßen, wenig befahren, ohne Radweg. Landstraßen, mehr befahren, mit hubbeligen bis sehr hubbeligen Radwegen (Shame on Osterby!).
Einspurige geteerte Wege zwischen Gehöften (unsere Favoriten!) oder die von uns weniger geschätzten Sandwege mit Feinkies-Einlage (uhhhh!). Aber für alle gilt – bitte schnurgerade!

An einer Stelle haben wir links Deutschland und rechts Dänemark, die EU-Binnengrenze mit einem einfachen Metallzaun gesichert. Friedel hält’s für einen Grundstückszaun, aber mitten zwischen den Feldern? 🙂

Aufgrund der eher langweiligen Landschaft müssten wir heute eigentlich heute mauliger als gestern sein. Dem ist aber nicht so – Es gibt kaum Autoverkehr, der Wind weht genau so, dass man es als angenehm empfindet und auf den Feinkies-Wegen geht es im Gegensatz zu gestern nicht bergauf!

Außerdem ist die Jahreszeit einfach ideal, um auch eher reizärmere Landschaften genießen zu können: Von links duftet der Flieder, von rechts der Raps und das eine oder andere Friesenhaus mit Reetdach entzückt. Je näher wir der Nordseeküste kommen, desto größer übrigens der Anteil an Bauernhöfen mit diesen Schilfdächern.

Zweisprachige Ortsschilder verraten uns übrigens, dass wir im Land der dänischen Minderheit und der Nordfriesen in Deutschland unterwegs sind. Das ist nicht dasselbe! Der Landkreis Nordfriesland ist mit fünf Sprachen der sprachenreichste in Deutschland. Das Herz der Linguistin hüpft!
Hier heißen alle Jenssen, Petersen, Olsen oder Almquist. Dagebüll heißt übrigens auch Doogebel, auf Nordfriesisch.

In Niebüll gibt es die Kaffeepause in einem Café mit Kuchen heute schon um eins und wir dehnen sie lange aus. Sooo früh wollen wir heute auch nicht am Ziel ankommen!

Dagebüll ist in erster Linie der Fährhafen nach Amrum und Föhr plus ein paar Hotels, einer wildwestartigen Restaurant -, Läden- und Fischbudenmeile und einem Ferienhauspark. Wir hatten erwogen, hier zu campen, aber bei näherer Recherche erwies sich der Campingplatz als parzellierter Wohnwagenpark, wenig ansprechend für uns Zeltcamper. Da habe ich uns kurzerhand über „booking-com“ in ein Hotelzimmer gebucht. Wie campen geht, das wissen wir ja schon! 🙂

Wir schieben uns und die Fahrräder zum Fähr-Terminal, einmal über den Deich und einmal über die Restaurant-Meile. Es ist gerade Flut und Strand gibt es keinen. Vielleicht später?

Da gibt es nichts anderes als chillen im Hotelzimmer, immerhin mit Meerblick. Das Zimmer ist wesentlich billiger als das gestern in Flensburg, bietet aber ungleich mehr für das Geld. So gibt es immer wieder Überraschungen!

Stilecht suchen wir uns für den Abend das ausgewiesene Fischrestaurant im Ort aus. Auch hier – ein ausgewogenes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Fast wie vor Corona! Nicht schlecht, dieser Transit-Tag!

R1: Von Nieheim über Detmold nach Stukenbrock

Am Donoper Teich bei Detmold

13. Oktober 2022: 55 Kilometer

Heute Morgen ist der Himmel ausnahmsweise mal bedeckt, aber es sind immerhin zehn Grad. Um diese Jahreszeit ist ein blauer Himmel leider oft mit tiefen Temperaturen am Morgen verbunden. Es stört uns also nicht, dass der Start in den Tag heute mal nicht ganz so strahlend ist!

Die Abfahrt von unserem Höhenhotel ist somit verträglich.

Was das Besondere an der heutigen Etappe bis Detmold ist – Wir fahren fast ausschließlich über kleine Teerstraße oder Waldwege, abseits vom Autoverkehr. Das gefällt uns natürlich sehr!

Gerade als wir uns darüber austauschen, dass es so langsam ins langweilig-flache NRW geht, treffen wir auf das hübsche Wasserschloss Vinsebeck: Perfekt mit weißen Türmchen und Wassergraben.

Unweit des Schlosses treffen wir auf den dicksten Baum, den wir in unserer Wanderkarriere bisher gesehen haben. Die alte Eiche ist seeehr beeindruckend und noch super in Schuss!

Nächstes Nahziel sind die Externsteine. Die stehen allerdings im Teutoburger Wald, der ein Höhenzug ist und folglich in bergigem Gelände. Soll heißen – es geht bergauf!

Allerdings wird der Aufstieg dadurch versüßt, dass es durch wunderschönen bunten Herbstwald geht.

Die Externsteine sind heute, unter der Woche, glücklicherweise nicht so sehr überlaufen. Friedel und ich tauschen uns darüber aus, wann wir das letzte Mal hier waren. Ich bin als Studentin mal den Herrmannsweg von Bielefeld nach Detmold gelaufen. Friedel wurde als Kind von seinem Vater hierher gescheucht. Lang ist‘s her und was uns früher mal gigantisch erschien, beeindruckt uns heute allenfalls ein wenig.

Interessant sind aber die Infotafeln, die beleuchten, wie mystisch aufgeladen der Ort ist: Eventuell bereits prähistorischer Kultort, mittelalterlicher Wallfahrtsort und dann von den Nazis als urgermanischer Versammlungsort deklariert. Wallhallakitsch pur!

Der R1 führt eigentlich elegant an Detmold vorbei. Wir aber wollen die schöne Beamtenstadt nicht verpassen. Zwischen Schule und Studium habe ich hier zwei Jahre in einem Backpacker-Laden gejobbt und war seitdem nicht mehr hier. Den Laden gibt es aber immer noch! Friedel hat viele Jahre in der Paderborner Umgebung gelebt und ebenfalls vage Erinnerungen an Detmold und andere Orte in dieser Region.

Uns überrascht, wie viele Menschen in der Fußgängerzone unterwegs sind und wie viele nette Cafés und Restaurants es hier gibt. Die ganze Stadt macht einen sehr wohlhabenden Eindruck, ähnlich wie einige Städte im Stuttgarter Speckgürtel, die wir so kennen. Nach dazu sind das Schloss, der Wallgraben und die vielen historischen Gebäude im Ort sehr sehenswert. Allein für unsere Mittagspause in einem Café im Schlosspark hat sich den Umweg schon gelohnt.

Das Schloss in der Detmolder Innenstadt
Landestheater

Leider führt der Weg aus Detmold an einer fiesen Straße entlang, und dazu auch noch arg bergauf. Erst nach vielen Kilometern sind wir wieder auf unseren geliebten Abseits-Wegen, die uns an der Senne (einem ehemaligen riesigen Truppenübungsplatz) zu unserem heutigen Ziel bringen, nach Stukenbrock. Unangenehm, dass unsere letzten zehn Kilometer zwar konsequent bergab gehen, aber leider an einer extrem dicht befahrenden Bundesstraße entlang. Bielefeld und Paderborn sind nahe, zwei Industriestandorte in Ostwestfalen, deren Einwohnerzahlen und Infrastruktur ihren Preis fordern. Hässlich und laut – entbehrlich!

Immerhin ist unsere Pension in Stukenbrock sehr nett und es gibt einige Auswahlmöglichkeiten, was unser Abendessen betrifft. Ansonsten muss man diesen Ort nicht gesehen haben. Es sei denn, man möchte ins Safariland!

Den Weg zum Abendessen legen wir im Regen zurück – Fast hätten wir vergessen, wie das ist! 🙂

Europa-Radweg R1: Von Dassel nach Nieheim

12. Oktober 2022: 65 Klometer

Mann, ist das kalt!
Als wir heute Morgen um 8:00 Uhr in Dassel losfahren, sind es nur zwei Grad. Überall liegt Rauhreif, die Nebel wallen … und die Finger verursachen unendliche Quallen!

Die lächerlichen Fahrrad-Fingerhandschuhe vom Aldi – komplett entbehrlich! Eigentlich wäre hier die Schottland-Ausrüstung angesagt. Das nächste Mal machen wir es besser!

Wir weichen heute gleich am Morgen vom R1 ab und umfahren den Solling nicht. Der R1 macht nämlich einen großen Bogen über Holzminden am Solling vorbei. Wir aber queren ihn durch das Hellental – wobei es nur am Anfang ein Tal ist. Später geht es über den Berg und dann ab Silberborn wieder abwärts zur Weser.

Wir wissen nicht, wie sehenswert Holzminden gewesen wäre. Aber das Hellental ist auf jeden Fall phänomenal schön, vor allem bei DEN Herbstfarben und DEN Nebeln. Wir teilen uns den Weg mit dem Weserberglandweg, der ja einer der besonders schönen Wanderwege in Deutschland sein soll. Was dieses kleine Stück angeht, können wir das nur bestätigen – und unsere bisherige Erfahrung, dass Wanderwege die viel schöneren Radwege sind!

Kurz vor Silberborn kommen wir noch an einem schönen Hochmoor vorbei. Tolle Passage, auch wenn der Holzbohlenweg eigentlich für Radler verboten ist, Heute Morgen sind wir hier aber ganz allein!

Die Abfahrt von Silberborn zur Weser ist auf jeden Fall klapperkalt! Gefühlte zehn Kilometer sausen wir durch den Wald bergab und sind froh und glücklich, dass es in Lüchtringen einen Supermarkt mit Bäckerei gibt, wo wir uns die Hände an einem Kaffee aufwärmen können.

Hier überqueren wir auch die Weser und landen somit in NRW. Heimatgefühle kommen hier aber noch keine auf.

Unterhalb einer schattigen Ahorn-Allee schlottern wir weiter zum Kloster Corvey bei Höxter, einem meiner Sehnsuchtsorte. Immer, wenn ich mit Friedel von Seesen auf dem Weg zu meinen Eltern die Weser überquert habe, habe ich gesagt: „Nach Corvey möchte ich auch mal!“

Aber nun finden wir die weitläufige Klosteranlage eher enttäuschend. Das ist kein Kloster, das ist ein Schloss, finden wir, und touristisch überorganisiert und abweisend. Schon wieder sind weite Teile der Ablage mit Baugerüsten verschandelt und die weltberühmte Bibliothek wollen wir mit Rucksack auf dem Rücken eh nicht besichtigen – UNESCO-Weltkulturerbe hin oder her. Wir fahren jetzt nach Höxter!

Auch dort – Die Katastrophe: Der ganze Ort ist eine einzige Baustelle. Zwar können wir mit dem Rad noch entlang der historischen Stadtmauer cruisen, aber die Altstadt ist komplett abgesperrt und mit superengen Baustellenwegen versehen – da sind sogar unsere Lenker breiter!

Höxter scheint aber sonst ein tolle Ort zu sein. Es gibt jede Menge Geschäfte und Restaurants, auch der originelleren Art. Der historische Stadtkern ist prächtig – auch wenn man es vor lauter Baustellen kaum sehen kann.

Der Radweg von Höxter nach Marienmünster verläuft zwar permanent parallel zu einer vielbefahrenen Landstraße, ist aber perfekt von dieser abgeschirmt. Wir radeln unter Eichen und Buchen auf und ab und unter unseren Reifen knacken die Eicheln und Bucheckern. Das mögen wir!

Das Kloster Marienmüster sieht aus, wie es sich für ein Kloster gehört. Die Anlage mit diversen halbverfallenen Gemäuern ist von einer Mauer umschlossen und trotzdem frei zugänglich. Es gibt einen Barockgarten, einen Klosterkrug, einen alten Friedhof .. perfekt!

Der Homerun nach Nieheim führt über einsame Apfelbaum-Alleen bergab. Unter den Bäumen liegen Millionen vernachlässigter Äpfel, die keiner mehr erntet und die vor sich hingammeln, einzig beachtet von Wespen und unseren Profilreifen.

Nieheim wirkt lebhaft, zumindest gibt es hier noch einige Geschäfte. Unser Hotel liegt hoch am Berg, sodass wir am Ende noch mal ordentlich bergauf fahren müssen, Am Ende schieben wir, schließlich wollen wir nicht vollkommen verschwitzt dort ankommen.

Uns erwartet ein Restaurant mit tollem Weitblick und großzügigen Zimmern. Befremdlich sind jedoch die schwäbische Speisekarte (Kässpätzle, hier „Käsespätzle“) und die Servicedamen im bayrischen Dirndl. Aber das Essen ist gut!!

Fazit: Wegen unseres Schlenkers durch den Solling und der langen Pause in Höxter waren die 65 Kilometer heute angenehm. Ein paar Kilometerchen mehr gingen noch, aber viel mehr wären unbequem – It‘s all about terrain!!

Auf die Räder!

Da schwingen wir uns auf unsere alten Tage noch mal auf die Räder!

Damals an und auf der Alb haben wir unsere alten Drahtesel im Keller verstauben lassen. Viel zu eng und steil waren die schmalen Albwege und viel zu viele Wanderer sind dort unterwegs. Als eingeschworene Fußgänger haben wir uns oft aufgeregt über die fiesen Downhill-Biker, die uns auf den Albpfaden vom Weg gescheucht haben. Fußgänger und Radfahrer prügelten sich um den Platz auf den Wegen. Gehasst haben wir es, gehasst!

Hier im Nördlichen Harz jedoch treffen wir auf unseren abendlichen Touren kaum eine Menschenseele. Und zu Fuß würden wir es kaum schaffen, am Abend noch bis zur Kalten Birke und zurück zu kommen. Mit den Rädern aber haben wir unseren Aktions-Radius extrem erweitert!

Schnell haben wir aber festgestellt, dass unseren alten Tourenräder für die holprigen Harzwege recht wenig geeignet sind. Deshalb haben wir uns auch noch Mountainbikes gekauft – Wir, ja wir, die ehemals eingeschworenen Fußgänger!

Wenn es arg zu steil bergauf geht, schieben wir. So sind unsere Radtouren oft eine Mischung aus Radeln und Wandern mit Rad an der Seite.

Radwandern halt! 🙂

Wundert euch also nicht, wenn wir demnächst auch mal von unseren Radtouren berichten. So sind wir zum Beispiel mittlerweile fast den gesamten “Karstwanderweg” abgefahren. Wir werden berichten!

Und hoffentlich bleibt ihr uns gewogen, auch wenn wir nicht mehr ausschließlich zu Fuß unterwegs sind! 🙂

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