Coast to Coast 5: Die Yorkshire Dales

Tag 7, 8 und 9 auf dem nordenglischen Coast to Coast Walk im Mai 2014:
Kirkby Stephen – Keld: 19 Kilometer
Keld – Reeth: 18 Kilometer (davon 4 Kilometer mit dem Bus)
Reeth – Richmond: 17 Kilometer

P1070940 Kopie
Foto von Carla

Als wir am Morgen in Kirkby Stephen aufbrechen, regnet es bereits in Strömen. Da wir ja gestern noch nicht viel vom Ort gesehen haben, versuchen wir das schlechte Wetter mit einer Stadtbesichtigung auszusitzen. Der Ort gibt jedoch nicht viel her, also auf in die Yorkshire Dales!

Auf die Dales freuen wir uns schon besonders. Googelt mal „Yorkshire Dales“ und ihr seht den Inbegriff englischer Postkarten-Landschaften: Sattgrüne Wiesen, romantische Mauern und Ruinen, Swaledale-Schafe.
Es gibt Landschaften, die sehen bei jedem Wetter toll aus. Andere wirken umso dramatischer, wenn es regnet oder nebelt. Und manche sehen bei schlechtem Wetter einfach nur öde aus, da nutzen keine fototechnischen Raffinessen: Letzteres gilt leider für die Hochebenen der Yorkshire Dales … 😦

P1070942 Kopie

_MG_4145_ Kopier

Zum Glück gibt es zwischendurch auf diesen windgepeitschten Hochebenen mal das eine oder andere Bachtal, in dem ein paar Ginster-Büsche um ihr Überleben kämpfen und die netterweise ein Rastplätzchen bieten – aber nur für den Alleinwanderer!

_MG_4132_ Kopie

_MG_4134_ Kopie

Kirkby Stephen liegt auf 170 Metern Höhe. Unser heutiges Ziel bis zum Mittag sind die „Nine Standard Riggs“, neun charakteristischen Steinhaufen, die sich auf 662 Höhenmetern befinden. Uns erwarten 500 quälende Höhenmeter Aufstieg, denn der Wind bläst uns voll ins Gesicht und es wird immer kälter, je höher wir kommen.

P1070946 Kopie
Foto von Carla

P1070949 Kopie

DSC_0871 Kopie
Foto von Christiane

Niemand weiß genau, wann, warum und von wem die neun Steingebilde aufgeschichtet wurden. Einige Experten vermuten, dass sie marodierende schottische Banden davon überzeugen sollten, dass englische Truppen hier oben auf sie warten … eine echte Beleidigung der schottischen Intelligenz! 🙂
Wir jedenfalls freuen uns, dass die Standards ein windstilles Plätzchen für unsere Mittagspause bieten, auch wenn es mit der vielgerühmten Weitsicht bis zu den Bergen des Lake-Districts und zum Cross Fell heute nicht weit her ist.

Wenigstens bleibt es bis zu unserem Einmarsch nach Keld heute Nachmittag trocken  – jedenfalls von oben!
Heute machen wir nämlich unsere erste Bekanntschaft mit patschigen, schuhziehenden Mooren. Die finden Friedel und ich so toll, das wir uns zwei Jahre später freudig in das Abenteuer der berüchtigten Pennine Way-Moore stürzen werden. So muss es auf dem Pennine Way in der guten alten Zeit vor den Steinplatten ausgesehen haben!

_MG_4162_ Kopie

Von den Nine Standard Riggs bis zum Abstieg ins Swaledale gibt es drei verschiedene Routen: Eine wird von Dezember bis April gelaufen, eine von Mai bis Juli und die dritte von Juli bis November. Dies ist der starken Erosion geschuldet, die die vielen Wanderer auf den sensiblen Moorböden erzeugen. Der C2C ist bis heute kein offizieller National Trail, so dass es keine finanziellen Mittel gibt, den Weg zu pflegen und zu unterhalten, wie es zum Beispiel beim Pennine Way oder dem West Highland Way der Fall ist. Zwar wird schon seit Jahren vorgeschlagen, den Weg in das Programm der National Trails aufzunehmen, doch der kostspielige Aufbau des England Coast Path blockiert bis auf Weiteres alle Mittel.
Für uns als Wanderer macht sich der informelle Status darin bemerkbar, dass die Wege oft sehr matschig sind, die Stiles oft wackeln, die Hecken nicht geschnitten werden und die Wegmarkierung sparsam ist. Die Wegfindung gestaltet sich deshalb manchmal etwas schwierig, aber das alles macht der Beliebtheit des Weges keinen Abbruch!

Komischerweise sind wir heute auf den Nine Standards total allein und auch auf dem Weg nach Keld werden wir niemanden mehr treffen.

_MG_4166_ Kopie

Auf dem Weg nach unten wird es wieder ein wenig grüner, denn wir befinden uns bereits im oberen Swaledale. Hier treffen wir das erste mal auf den River Swale, der uns die nächsten zweieinhalb Tage begleiten wird.

_MG_4175_ Kopie

_MG_4177_ Kopie
Ohne Sonne …
P1070960 Kopie
… mit Sonne!

Außerdem ist heute der Tag der hässlichen Tiere: Was der eine zu viel hat, hat der andere zu wenig!

_MG_4201_ Kopie

_MG_4240_ Kopie

Das Wetter wird kurz vor Keld auch wieder besser. Et voilà – somit auch die Fotos!

P1070962 Kopie
Catrake Force – Foto von Carla
_MG_4231_ Kopie
Catrake Force

Keld ist das oberste Dörfchen im Swaledale und im Winter unter Bergen von Schnee begraben – heute bescheint uns gnädig die Nachmittags-Sonne und es wird auch gleich wieder wärmer.
Das Dorf liegt hübsch im Tal und ist mit seinen braunen Steinhäusern ein echtes Schmuckstück. Woanders gäbe es jede Menge Cafés, Souvenirläden, Woll-Manufakturen und einen großen Busparkplatz – hier nicht!

Unsere Unterkunft ist heute die wunderbare Keld Lodge, eine ehemalige Jugendherberge und unsere ewige Nummer Eins auf unserer „Beste-Unterkünfte in GB“-Liste. Hier kreuzen sich der C2C und der Pennine Way, so dass wir 2016 noch einmal in dieser supergemütlichen und hikerfreundlichen Lodge übernachten können …

_MG_4243_ Kopie

Am nächsten Morgen drücken wir uns noch lange in der Keld Lodge rum. Der Blick aus den große Panorama-Fenstern beim Frühstück verheißt nichts Gutes – es regnet wie’d Sau!!
Und es wird den ganzen Tag nicht aufhören. Von Keld nach Reeth gibt es zwei Varianten als Wegführung des C2C: Die Hauptroute führt durch das Moor und an alten Bleiminen vorbei. Sehr reizvoll, aber heute definitiv zu sumpfig. Sogar unser Reiseführer rät davon ab!
Eine Variante verläuft durch Muker und Gunnerside direkt durch das Swaledale. Hier versinken wir zwar nicht im Moor, aber der Weg verläuft fast ausschließlich über nasse Wiesen und es gibt Stiles, Stiles, Stiles. In den Yorkshire Dales sind ja alle Wiesen so pittoresk mit Steinmäuerchen eingefasst. Das bedeutet aber, dass man über jede Mauer klettern muss. Extrem anstrengend, auch wenn in die Mauern glitschige Trittsteine eingebaut sind, die das Überklettern erleichtern sollen (Stiles). Oder es gibt so Einschnitte in den Mauern, die so eng sind, dass kein Schaf sich durchzwängeln kann. Aber vor allem auch kein Wanderer mit Rucksack!

_MG_4249_ Kopie

_MG_4257_ Kopie

Unsere Mittagspause verbringen wir in einem alten Schafstall – der einzige trockene Platz weit und breit!

P1070971 Kopie
Foto von Carla

So schön das Swaledale auch ist – Schon mittags sind wir patschnass und die Moral sinkt. Unterwegs begegnen wir Wanderern mit riesigen Regenponchos – Friedel und Carla beschließen, sich solche Dinger zu kaufen, so lächerlich sie auch aussehen mögen. Christiane und Steffi würden sich nie, nie und nochmals nie in solche unförmigen Schwitzdecken hüllen. So vergeht der Nachmittag mit der Diskussion um angemessene Regenkleidung. Am nassesten aber sind die Füße!

_MG_4266_ Kopie

Vier Kilometer vor unserem Ziel geben wir auf. Wir sind ein Stück an einer Straße entlanggelaufen und die vorbeifahrenden Autos haben uns auch noch ordentlich nassgespritzt, da kommt ein Bus um die Ecke. Damals waren wir noch keine Puristen: Wir haben die Nase voll und steigen ein!

P1070978 Kopie

Reeth mag ein hübsches Örtchen sein – Wir aber wollen nur noch in die Badewanne und in der herrlich überheizten Bar des Buck Hotels „Hornochse“ spielen! Am Abend sinken wir in unsere herrlich plüschigen Himmelbetten und träumen von besserem Wetter …

P1070979 Kopie

An den nächsten Tag können wir uns gar nicht mehr richtig erinnern – das Swaledale öffnet sich und die Berge werden flacher, es geht über Wiesen, Wiesen Wiesen und Country Roads. Der Weg ist ganz nett, aber nicht atemberaubend. Noch dazu ist es kalt und schmuddelig. Wenigstens regnet es heute nur noch gemäßigt!

_MG_4291_ Kopie

_MG_4283_ Kopie

P1070988 Kopie
Foto von Carla
P1070991 Kopie
Foto von Carla – man beachte das Messer im Cairn???

Wir freuen uns, als wir die County-Grenze zu Richmond erreichen. Nun sind wir fast da und morgen haben wir einen wanderfreien Tag!

_MG_4296_ Kopie
Foto von Christiane

Richmond ist die einzige richtige „Stadt“ auf dem C2C -am Abend sind wir noch fit und motiviert genug, die Stadt und Richmond Castle zu besichtigen. So gibt es doch noch ein Highlight nach zwei eher mäßig schönen Wandertagen.

_MG_4303_ Kopie

_MG_4309_ Kopie

Unser B&B in Richmond ist eher etwas steif und kühl. Die Empfehlung für das Abendessen ist ein veganes Restaurant in der City. Das trifft nun nicht unbedingt den Massengeschmack unserer Gruppe, aber wird mehrheitlich als „neue Erfahrung“ verbucht. Ich fand’s cool!

Da wir ja morgen einen Pausentag in York haben, können wir es abends im Pub mal so richtig „krachen lassen“! Wir kommen mit einem sehr interessanten Yorkshireman ins Gespräch, dem die einen in der Gruppe eher misstrauisch gegenüberstehen, aber von dem die anderen unserer Gruppe sich  gern und lange volllabern lassen. Sehr interessant, mal so einem echten Local zu lauschen – aber wir haben ihn mehr schlecht als recht verstanden. Lag das am berüchtigten Yorkshire-Dialekt oder am Ale? 🙂