Glanz und Elend des Selketals

Auf dem Selketalstieg von Mägdesprung über Harzgerode und Alexisbad und zurück.
Gelaufen am 20. Oktober 2022, 23 Kilometer und vier Stempel

Landschaftlich war das heute eine tolle Tour!
An unserem Regen-Wandertag sind wir ja auch schon ein Stück an der Selke gewandert, aber das Flusstal bei Meisdorf hat uns da nicht so von den Puschen gehauen. Das Tal ist da schon sehr breit und der Wanderweg führt selten direkt am Fluss vorbei.

In Mägdesprung aber führt der Wanderweg aber direkt am Fluss entlang, durch eine enge Schlucht. Heute Morgen ist es mal wieder ziemlich kalt und wir ohrfeigen uns gegenseitig dafür, dass wir nicht am Mütze und Handschuhe gedacht haben. Da hilft nur Warmlaufen und die Hände tief in die Taschen zu schieben.

Friedel war heute Morgen besorgt, dass ich die 23 Kilometer mit 500 Höhenmetern heute nicht schaffen würde. Aber mein Knie hält sich heute wacker, auch wenn ich im späteren Verlauf des Tages bergab wieder ein wenig hinken muss. Im Vergleich zu gestern geht es meinen Gräten jedoch erstaunlich gut!
Vor Jahren habe ich mir beim Skifahren mal einen Kreuzbandriss zugezogen und nach Konsultation mit meinem schlauen Physiotherapeuten das Knie nicht operieren lassen. Ich müsse das Bein halt regelmäßig gut trainieren, so sein Rat. Oder den „Fuß“, wie man im Schwäbischen sagt. 🙂
Das beste Training für das Laufen ist das Laufen, aber das habe ich in letzter Zeit ein wenig vernachlässigt, seit ich das Radfahren wieder entdeckt habe. Also freut es mich, dass ich so langsam lauftechnisch wieder fit werde und werde mich bemühen, auch meine Lauffähigkeit in Zukunft besser zu erhalten.

Aber zurück zum Selketal – Uns gefallen hier die schmalen Wege, das abwechslungsreiche Auf-und-Ab, die vielen Felsen und dass wir hier heute Morgen ganz alleine sind. Im Nu haben wir die erste Stempelstelle am Vierten Friedrichshammer erreicht. Früher gab es hier eine alte Metallschmiede, heute befindet sich hier eine kleine Häuseransammlung und ein Gasthof mit Ferienzimmern, natürlich geschlossen. Unter der Woche können wir im Harz auch nichts anderes erwarten, das wissen wir mittlerweile.

Nicht der Gasthof, aber ein anderes, typisches Harzhaus

An der Selkemühle verlassen wir das Tal, um den Berg zur Ruine Anhalt zu erklimmen. Hier handelt es sich um die Stammburg der Anhaltiner? Anhalter?, die wir schon als Modell vor dem Schloss in Ballenstedt bewundert haben.

Der „unbequeme“ Weg zur Burg, den wir statt des „bequemen“ nehmen, führt zahm nach oben, ist aber gut begehbar, auch für Knielahme. Wir verlassen somit das enge Selketal und betreten das Reich der Sonne – oh welche Wohltat!

Von der ehemals prächtigen Burg ist nur noch wenig erhalten. Viele Schautafeln informieren jedoch über das ehemals prächtige Ausmaß der Burg, die mindestens so groß wie die Wartburg gewesen sein soll. „Anhalt“ bedeutet ursprünglich „ohne Holz“, denn die Burg soll die erste Festung nördlich der Alpen gewesen sein, die komplett aus Ziegelsteinen erbaut wurde. Hier und da schauen ein paar Mauerreste aus dem Erdreich heraus und man braucht viel Phantasie (und das Modell vor dem Schloss im Ballenstedt vor dem inneren Auge), um sich Glanz und Gloria der ehemaligen Burg samt untergegangenem Dorf vorzustellen.

Die Eindrücke von der Burg führen dazu, dass Friedel und ich den gesamten weiteren Weg bis Harzgerode darüber diskutieren, was nach dem Untergang des Römischen Reiches war, was dazu geführt hat, warum Hochkulturen untergehen und vergessen werden und ob es nach der Energiekrise heute zu einem ähnlichen Einschnitt in der Geschichte der Menschheit kommen könnte. Welche Rolle dabei Moral und Religion gespielt haben und in der Zukunft … bla bla bla ..

Erst ein Café im Harzgerode stoppt unsere lebhafte Diskussion. Dort sind wir neben einem anderen Paar die einzigen Gäste. Statt weiter über die Zukunft der Menschheit zu diskutieren, bewundern wir die besonderen Exponate im Café, die die Gäste dort neben Kaffee und Kuchen käuflich erwerben können. Filzschuhe, Filztaschen, Filzblumen zum Anstecken …

Harzgerode ist übrigens ein recht hübsches, kleines Städtchen und besitzt neben einigen Geschäften, Restaurants und Cafés natürlich auch ein Schloss, wie jede ordentliche Kleinstadt im Ostharz.

Nach Harzgerode treffen wir wieder auf den Selketalsteig, der hier bis zurück nach Mägdesprung oberhalb des Selketals verläuft. Die letzten beiden Stempelstellen liegen hier, auf dem Zickzackweg zurück nach Mägdesprung. Wir wandern mittlerweile jackenlos, die Sonne wärmt und verführt dazu, immer wieder mal länger an einem der zahlreichen Aussichtspunkte zu verweilen.

Die „Verlobungsurne“, dritte Stempelstelle

Tief unter uns im Tal liegt der Ort Alexisbad mit seinem alles dominierenden Wellness-Hotel – einem Ausbund an Hässlichkeit. Wie kann man ein Tal nur so verschandeln!

Man betrachte das Kleinod an Jugendstil-Architektur im Vordergrund, nunmehr verlassen und verrammelt. Im Hintergrund dann der zweckmäßig-moderne Bau, natürlich viel bequemer und zeitgemäßer als der alte. Schauderhaft!

Ausgesprochen hübsch dagegen ist die vierte Stempelstelle, die wir nach einigen Schlenkern an der Kliffkante entlang erreichen. Die Köthener Hütte ist die mondänste Wanderhütte, die wir bisher im Harz für unsere Teepausen genutzt haben!

Kurz vor Mägdesprung geht es wieder auf einem steinigen Pfad hinunter ins Tal. Ich schaffe den steilen Abstieg, indem ich langsam gehe und Pinocchio-artige kleine Schritte mache – aber immerhin ohne Schmerzen.

Die Tafel erklärt die Herkunft des Namens „Mägdesprung“

Unten im Tal sind wir geschockt, was aus dem ehemaligen Bergwerksort geworden ist. Fast alle ehemaligen Hotels und historischen Gewerbehallen sind verrammelt und halb verfallen. Dieser Ort hat seine Glanzzeit schon lange überschritten!

Das schockt uns immer wieder, diese heruntergekommen ehemaligen Kur-und Erholungsorte im Harz, die es einfach nicht in die neue Zeit geschafft haben. Die gibt es auch in Niedersachsen, nicht nur hier in Sachsen-Anhalt. Wir finden das sehr schade, aber vielleicht liegt es daran, dass die meisten Touristen es nur bis zum Brocken schaffen und nicht bis hierher in den Ostharz. Das hat aber auch sein Gutes – So haben wir die Naturschönheiten abseits der Touristenorte oft ganz für uns allein!

Ein Salamander kommt selten allein

Im Selketal bei Meisdorf: Gelaufen am 18. Oktober 2022, 18 Kilometer, 4 Stempel

So schön der Tag gestern auch war – umso schlechter ist das Wetter heute!

Schon morgens pladdert der Regen gegen das Schlafzimmerfenster unserer Hütte. Wir ziehen das Frühstück extra in die Länge, aber es hilft nichts. Wir müssen raus!

Wir betrachten den Dauerregen alsTest für unsere Regensachen. Schon länger hatten wir das Gefühl, dass unsere Ultralight-Jacken und Hosen nicht mehr dicht sind. Leicht bedeutet halt auch filigran!

Schon an der ersten Stempelstelle, dem Mausoleum von der Asseburg, haben wir das Gefühl, dass wir beginnen durchzuweichen. Gleiches gilt auch für die Stempelhefte. Wenn es so stark regnet, ist es superschwierig, die Stempelhefte mit nassen Fingern aus dem Etui zu fummeln, schnell in den Stempelkasten zu befördern und keine Tropfen vom Ärmel auf die Stempel laufen zu lassen. Die sind nämlich wasserlöslich!

Zur Burg Falkenstein kommt man aus dem Selketal nur, wenn man einen Kilometer den superpatschigen Eselspfad hochsteigt, und wieder zurück. Bei trockenem Wetter mag der Weg gut begehbar sein, aber heute, mit den vielen aufgeweichten Blättern, ist er einfach nur glitschig!

Auf der Burg beschließen wir, dass wir, wenn wir wieder unten im Selketal sind und es weiter so stark regnet, zurück in unser Ferienhaus gehen. Machen wir natürlich nicht!
Wir verändern unsere Marschroute aber so, dass wir vier Kilometer abkürzen, aber trotzdem unsere vier Stempel für heute einsammeln.

An der dritten Stempelstelle, der Schutzhütte am Mettenberg, haben wir die Chance auf eine halbwegs trockene Mittagspause. Wir sind mittlerweile bis auf die Unterhosen nass, aber immerhin bleiben unsere Brote so trocken!

Gegen zwölf Uhr haben wir den Eindruck, dass es langsam weniger regnet und tatsächlich hört es kurz darauf auf zu pladdern. Wir gehen ein Stück auf dem Selketal-Stieg zurück und nehmen eine Abkürzung den Berg hoch, die wir am Morgen auf der Karte entdeckt haben. Der sogenannte „Steile Stieg“ ist weniger steil als vermutet und verläuft durch ein entzückendes Bachtal voller Feuersalamander!

Bei zehn hören wir auf zu zählen. So viele Feuersalamander auf einmal haben wir noch nie gesehen!

Der Weg nach oben ist wichtig, damit wir oben den für heute vierten und letzten Stempel mitnehmen können. Auch hier, zum „Selketal-Blick“, müssen wir circa einen Kilometer vom Hauptweg abgehen und später die gleiche Strecke wieder zurück. Sowas mögen wir eigentlich gar nicht, denn unser Motto lautet eigentlich „Vorwärts immer, rückwärts nimmer.“ Aber heute müssen wir das gleich dreimal aushalten!

Der Aussichtspunkt, so erfahren wir, wurde zur schönsten Stempelstelle im Harz 2021 gewählt. Die Juroren müssen auch bei so einem Schietwette hier oben gewesen sein – die Aussicht auf das nebelverhangene Selketal ist nämlich phänomenal.

Auf direktestem Wege begeben wir uns danach zurück in unser Häusle. Nichts wie raus aus dem nassen Klamotten und die Rucksäcke ausgepackt. Wir schaffen es, innerhalb kürzester Zeit die komplette Hütte mit feuchten Karten, nassen Klamotten und tropfenden Rucksäcken zu verschandeln. Wenn das unsere pingeligen Vermieter wüssten!

Ein bisschen dezenter Nieselregen ist ja okay, aber drei Stunden Fußmarsch im Pladderregen – das brauchen wir nicht täglich!

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