Tag 91: Ardtalnaig nach Kenmore

Ab jetzt wird’s ausgesprochen geruhsam: Keinen Tag mit mehr als 15 Kilometern! Aber jetzt mal ganz ehrlich: Friedel und ich sind gerade richtig gut eingelaufen – von uns aus könnte es jetzt richtig losgehen! Auf der anderen Seite geht es Carla zunehmend schlechter. Heute wird sie noch halbwegs durchhalten – jedoch zu welchem Preis?

Zunächst erwartet uns heute morgen ein fürstliches Frühstück: Rosemary bringt uns einen Frühstückskorb mit diversen Köstlichkeiten, die wir bestellt haben. Zwar ist dies kein gekochtes schottisches Frühstück, aber gut genug für den Start in unseren heute eher gemütlichen Tag.

Carla hat tatsächlich erwogen, heute ein Taxi zu nehmen. Doch sie entschließt sich, mit uns zu laufen, jedenfalls bis Acharn. In Acharn trennen wir uns heute erneut. Carla läuft weiter die Straße entlang nach Kenmore, wir folgen dem Schlenker des RWW über die Falls of Acharn. Es wird sich lohnen!

Wir lieben diese kleinen Umwege, die der RRW einbaut: Wenn es auch mitunter sinnlos anmutet, eine Straße zu verlassen und sich den Berg hoch zu schlagen, nur um ein paar Kilometer weiter wieder auf dieselbe Straße zu treffen – Das macht den Weg gerade reizvoll!

Es fällt uns heute schwer, Carla wieder alleine zu lassen. Jedoch sind die Falls of Acharn ausgesprochen lohnenswert. Zuerst treffen wir auf die „Hermits Cave“, einen Durchgang durch den Fels, der an seinem einen wunderschönen Blick auf die Fälle gewährt – Danach führt ein hübscher Rundweg bis zu einem Ausblick oberhalb der Fälle. Eigentlich sind die Fälle nur ein Fall, aber dieser ist ziemlich hoch! Was uns besonders gefällt: Niemand außer uns ist hier an diesem Dienstagmittag unterwegs …

Anschließend führt uns der Weg über offene Wiesen immer oberhalb des Loch Tays entlang. Immer wieder gibt es schöne Ausblicke zu genießen. Bei Balmacnoughton gibt es ein Ereignis, das uns stark in Erinnerung bleiben wird: Hier wird Steffi heute zur Schaf-Heldin! Als wir den Weg schnatternd und mit den Stöcken schlagend entlang gehen, geraten einige Schafe in Panik: Ein Muttertier wird von seinem Lamm getrennt und letzteres verfängt sich in einem Zaun. Es zappelt und zappelt, aber kann sich nicht befreien. Noch schlimmer: Bei dem Versuch, seiner Mutter zu folgen, verstrickt es sich immer mehr mit dem Kopf im Zaun und stranguliert sich fast. Was macht man nun in so einer Situation? Wenn ich das Schaf anfasse, wird die Mutter es danach noch annehmen? Oder sollten wir einfach weitergehen und hoffen, dass das Lamm sich beruhigt und selbst den Weg aus der Falle findet?

Friedel hat eh Berührungsängste mit Tieren, aber auch er denkt, das „man“ etwas tun sollte. Also packt Steffi das Lamm und befreit es aus seiner misslichen Lage. Zum Glück ist das Lamm vor Schreck wie paralysiert und wehrt sich nicht. Es schnauft nur ganz laut und fühlt sich heiß und wollig an. Einmal auf den Boden gesetzt, stürmt es zur Mutter und die wirkt zumindest erst mal nicht so, als wenn sie ihr Kind verstoßen wollte. So hoffen wir also das Beste!

Es folgt der „Queens Drive“, den Queen Victoria während ihrer Hochzeitsreise im Taymouth Castle bei Kenmore fuhr. Hierbei handelt es sich um einen Höhenweg mit schöner Aussicht auf Loch Tay, der am Ende in den Braes of Taymouth endet, einem Waldgebiet oberhalb von Kenmore, in dem sogar noch einige Kaledonische Kiefern stehen sollen – gesehen haben wir jedoch keine!

Hier treffen wir auf einen farnbewachsen Birkenwald, der uns sehr an Cannock Chase erinnert. Ein merkwürdiges älteres Ehepaar spricht uns an, das uns nach dem Weg fragt. Jedoch scheint dies nur ein Vorwand zu sein, denn kurz darauf erklärt uns der Mann, dass die beiden seit Tagen keine Engländer im Wald getroffen hätten: Erst trafen sie Tschechen, dann Polen und nun uns Deutsche – aber  .. haha! .. nicht mehr lange, und wir alle müssten Großbritannien verlassen, haha!  Wir erklären den beiden, das sie uns auf keinen Fall los würden, haha, und machen uns verwundert weiter auf den Abstieg nach Kenmore. Es geht in Serpentinen recht steil nach unten zum See.

Sehenswert sind die Überreste der Crannocks, die an einigen ufernahen Stellen im Loch Tay zu sehen sind. Das sind kleine künstliche Inselchen, die ursprünglich mit kleinen runden Holzhütten bebaut waren. Dort lebten die Ur-Clans in ihrem schottischen Kraal. Ein Modell davon ist hier im Crannock-Center am Ortseingang zu besichtigen. 

Das Zentrum des Orts ist zweifellos das Kenmore-Hotel, in dem wir absteigen, und ein Post-Laden, der auch ein paar Lebensmittel bereithält. Ansonsten gibt es wohl noch den Kenmore-Club, ein Appartment-Komplex, in den ich uns erst einmieten wollte, und einem riesigen Wohnwagen-Park. Der ganze Ort ist scheinbar als Satellit des Taymouth-Castle entstanden, das malerisch circa zwei Kilometer vom See entfernt am Tay steht. Wie wir nachgelesen haben, steht das riesige Schloss zurzeit leer. Unglaublich! Es gibt auch noch eine pittoreske Kirche und eine sehr schöne Brücke über den Tay. Der Ort ist verschlafen, aber ganz hübsch.

Das Kenmore-Hotel ist ein altmodisches Hotel mit großen Zimmern. Eigentlich mögen wir sowas ja, aber der Betrieb wirkt irgendwie lieblos. Wie wir von einem deutschen Hotelgast beim Büffet-Frühstück am nächsten Morgen erfahren, werden die Zimmer teilweise in Rabattaktionen bei Fährenbetreibern verramscht. Den Hotel angegliedert ist ein hässlicher Neubau, in dem sich das Restaurant des Hotels befindet. Zum Glück kann man auch in der alten Bar etwas zu essen bestellen, die wir dem Restaurant vorziehen. Insgesamt ist das Kenmore-Hotel nicht wirklich unser Lieblings-Hotel auf dieser Reise, aber schlecht ist es nicht.

Tag 90: Killin nach Ardtalnaig

Jeder freut sich auf besondere Wandertage. Dem heutigen Tag hat besonders Steffi entgegen gefiebert. Nicht wegen der stellenweise durchaus ansprechenden Etappe, sondern weil am Ende der Tour die Übernachtung in „Camping Pods“ ansteht!

Carla hat schon am Vorabend beschlossen, dass sie der Straße am Seeufer folgen wird. Damit verkürzt sich die Strecke nach Ardtalnaig für sie um drei Kilometer und sie vermeidet die große Steigung (immerhin sind heute 521m angesagt!).

Wir hingegen folgen dem RRW den Berg hinauf zum Loch Breaclaich. Verabredet ist, das wir uns am Adeonaig-Hotel wieder treffen und einen Kaffee zusammen nehmen, so hoffen wir.

Zunächst folgt auch dieser Weg einer Schotterpiste durch abgeholzte Fichtenplantagen. Wie schon zuvor fragen wir uns, ob dieser Kahlschlag gut oder schlecht ist. Wird die Natur nun sich selbst überlassen? Oder wird mit der Kaledonischen Kiefer wieder aufgeforstet? Auf uns jedenfalls wirkt das Wandern durch diese Landschaft irgendwie deprimierend. Zu arg haben sich die Bagger in die Landschaft gefressen – Geht es vielleicht auch ein bisschen weniger rabiat?

Am Loch Breaclaich hört der „Wald“ auf und wir wandern am Rand des Staudamms immer höher bis zu einem Pass. Obwohl der Staudamm nicht gerade als schön zu bezeichnen ist, haben wir doch das Gefühl, endlich eine offene Landschaft vor uns zu haben: Keine Straßen! keine Zäune! Eine offene, bergige Landschaft mit nichts als dem Himmel darüber! Wind! Wir genießen besonders den Weg hinter dem Staudamm, auch wenn die Landschaft anderen Menschen vielleicht trist erscheinen mag. Wir haben ja auch die Hügel der Pennines gemocht. Dies hier erinnert uns sehr daran – verschiedene Töne von Braun und Grün, Felsen, schroffe Bergflanken – Marslandschaft. Aber der Blick ist frei und der Wind weht einem um die Ohren.

Auf dem Weg nach unten treffen wir erstens auf eine (skurril anmutende) Pipeline und zweitens auf schöne Blicke auf den Loch Tay hinunter. Vorbei geht es an eine Outdoor-Center immer weiter nach unten – bis wir am Seeufer anlangen und eine grinsende Carla sch aus dem Schatten eines Baumes erhebt. Wir alle sind bereit für einen Kaffee und freuen uns, dass wir uns wieder haben!

Das Ardeonaig Hotel erschien uns im Internet recht snobistisch. Aber als wir mit unseren Wanderschuhen hineingehen, werden wir ausgesprochen freundlich zu einem Innenhof geleitet. Dort bekommen wir als einzige Gäste einen Kaffee serviert, der sogar ausnehmend günstig und gut ist. Vor allen freuen wir uns darüber, die feudalen Toiletten zu benutzen. Sie erinnern an Boudoirs und die Hände trocknet man sich nach dem Händewaschen mit kleinen Frotteetüchern, die man anschließend in einen Korb plumpsen lässt. Die kleinen Hütten am Seeufer wirken sehr verlockend, und soooo teuer sind die Hütten nun auch wieder nicht. Wer weiß, vielleicht werden wir später hier mal ein paar angenehme Tage verbringen? Vielleicht wenn wir älter sind und nicht mehr laufen können?

Die freundliche Bedienung winkt uns sogar zum Abschied hinterher. Ardeonaig Hotel – sehr angenehm!

Die letzten fünfeinhalb Kilometer laufen wir zu dritt auf der wenig befahrenen Straße am Loch Tay entlang. Es geht leicht bergab und bergauf, links stets von erhöhter Position aus den See im Blick. Allerdings haben wir wieder links und rechts der Straße Zäune, was den Genuss ein wenig mildert. Wir beobachten sogar, wie ein trächtiges Schaf ein Lamm zur Welt bringt. So etwas haben wir noch nie gesehen!

In Artalnaig angekommen, laufen wir durch den Ort und wieder hinaus bis zum Holly Cottage. Dort warten zwei Camping-Pods auf uns. Die „Gürteltiere“ (Amadillas), sehr luxuriöse kleine Camping-Waben mit jeweils zwei Betten darin, sind – eingebettet in eine schöne Landschaft – ein Wunder an Platz und ein durchdachtes Konzept: Die Toilette ist gleichzeitig auch die Dusche. Unsere Gastgeberin Rosemary bringt uns sogar ein paar frisch gebackene Scones!

Das Holly Cottage bietet kein Abendessen, also wollten wir am Morgen in Killin verschiedene Zutaten für ein kaltes Abendbrot und einen Wein für den gemütliche Abend erstehen – Von wegen! Die freundliche Dame am Coop erklärte uns, dass man vor zehn Uhr in Schottland keine alkoholische Getränke erstehen könne! Was ist das nun schon wieder für eine merkwürdige puritanische Regel? Vollrausch erst ab zehn Uhr morgens? So haben wir nun auf den Wein verzichtet und genießen unseren Abend draußen mit (deutschem!!) Vollkornbrot aus dem Bio-Laden in Killin, Käse, Oliven und grünem Tee.

Ich hatte auf gutes Wetter gehofft und wir einen langen Abend im Garten des Holly-Cottages verbringen würden. Leider ist Carla heute fix und fertig und außerdem sehr wärmeliebend – schon früh zieht es sie in ihr Gürteltier. Friedel und ich genießen noch die untergehende Sonne über dem See und freuen uns, dass wir so früh im Jahr unterwegs sind, dass keine Midges unseren Abend trüben.

„Ruhetag“ in Killin

Wenn man einen Ruhetag einlegen will, um „shoppen“ zu gehen, sollte man nicht Killin wählen. Einkaufstechnisch ist Killin echt tote Hose – es gibt einen Coop-Supermarkt, aber selbst der ist gerade geschlossen, als wir da sind. Ansonsten gibt es noch eine Art Bio-Laden, einen Porzellan- und Geschenkartikelshop, eine Drogerie und einen Outdoor-Laden, das ist alles. Aber wir können ja eh nichts mit uns herumschleppen.

Landschaftlich hat Killin jedoch einiges zu bieten und wir sind froh, dass wir mehr Zeit im Ort hatten.

Wozu haben wir überhaupt einen Ruhetag eingelegt? Das ist überhaupt das erste Mal, das wir das machen. Einmal ist es für Carla – auf dem Coast-to-Coast-Walk hat sie es bedauert, dass wir in bestimmten Orten nicht mehr Zeit hatten. Zum anderen sind wir dieses Mal mit einer komischen Billig-Airline von Stuttgart nach Edinburgh geflogen. Sie fliegt nur Freitags oder Montags. Für den Freitag hätten wir uns verdammt beeilen müssen. Also haben wir schon im Vorfeld beschlossen, einen Ruhetag auf der Tour einzulegen und noch dazu am Ende einen Tag am Meer zu verbringen.

Nach einer geruhsamen Nacht und einem leckeren Frühstück (das Courie Inn ist eine gute Wahl) machen wir uns auf den Weg, die Umgebung zu erkunden. Zuerst suchen wir einen prähistorischen Steinkreis, den ich im Internet entdeckt habe. Wir finden ihn auf dem Gelände der Kinnell-Farm, was in Wirklichkeit der Stammsitz des alten McNab-Clans ist. Haha, gut versteckt! Auch euren alten Steinkreis habt ihr gut verborgen, aber wir haben ihn trotzdem entdeckt! Hmm, private property, no right of way. Mit Herzklopfen betreten wir die private Wiese, auf dem der Steinkreis steht – und werden nicht vertrieben!

Wie ich auch gelesen habe, ist es nicht sicher, ob der Steinkreis „echt“ ist – Egal! Zumindest Carla ist arg beeindruckt. Das ist ihr erster!

Auf dem Rückweg machen wir ein paar Fotos (ohne Leute) an den Falls of Dochart, dann trinken wir einen Kaffee und machen uns auf den Weg zum Loch Tay, auf dem gleichen Weg, den wir gestern Abend gewählt haben. Wir haben Tee, Decken und Knabbberzeug dabei und wollen uns am See etwas in die Sonne hauen: Welch ein Luxus!

In der Tat verbringen wir die Mittagszeit wunderbar entspannt am Seeufer unter uralten Bäumen. Aber nach zwei Stunden wird das etwas langweilig und es juckt uns in den Füßen: Wir gehen den gleichen Weg wie gestern zurück, aber bewundern noch ausgiebig den Hang mit Millionen von Bluebells (Kleinen Hasenglöckchen auf Deutsch). Folgt man der Pier Road weiter, kommt man zum Finlarig Castle. Wir sind total beeindruckt von den Ruinen und wie ungeregelt man darin herumlaufen kann – und lesen später an einer Bank am Eingang des Castle, das das Betreten der Ruine verboten ist, weil die Burg stark einsturzgefährdet ist. Mhhh .. aber schön war’s!

Da der Tag noch jung ist, beschließen wir, noch bis zum Moirlanich Langhaus zu laufen. Heute ist Sonntag und das vom National-Trust geschützte alte Bauernhaus ist heute zur Besichtigung geöffnet. Das Gehöft liegt jedoch drei Kilometer auswärts von Killin. Und zurück sind es auch wieder drei Kilometer. Auf Asphalt. Das gibt Carla wahrscheinlich den Rest.

Der Weg dorthin führt durch elysische Wiesen voller Lämmer und Umspannwerke.

Es ist unglaublich, wie beengt die Menschen in diesem Haus gelebt haben – Links die Tiere, rechts die Menschen. Die Decken sind unglaublich niedrig und die Räume sehr beengt. Die Möbel und das „Dekor“ sind so wie vor fünfzig Jahren, als die letzten Bewohner das Haus verlassen haben. Wir finden Moirlanich-Longhouse interessant, aber nicht umwerfend. „Umgeworfen“ hat es jedoch Carla, die ab dem nächsten Tag extrem lahmt und den zweiten Teil unserer Tour wegen einer Knochenhaut-Entzündung kaum noch schafft. Tapfere Carla! Sie wird noch ein paar Tage unter Drogen wenigstens Teile der täglichen Strecken laufen, aber auch das wird am Ende nicht mehr möglich sein. Das ist sehr schade, denn geplant war ja ein Wanderurlaub!