Variante Tag 47: Tideswell über Castleton nach Edale, 19km

Der Duft der Pennines, Dales über Dales, die Mongolische Steppe, der Abgang zum Arsch des Teufels und der Gipfel des Perfektionismus …

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Steffi hat ein feines Näschen und könnte sich bei ¨Wetten dass¨ damit bewerben, wenn es das noch gäbe: Erkenne einen englischen Wanderweg an seinem Geruch. Der Southwest Coastpath riecht nach Salz und Farn, der Rob Roy Way nach Harz, die Midlands nach Brennnesseln, die Limestone Dales nach Dung und der Pennine Way hat einen ganz besonderen Duft: Nach torfigem Wasser!

Heute haben wir den Pennine Way schon von Weitem geschnuppert, und zwar schon von Castleton aus!

Aber jetzt der Reihe nach: Die ganze Nacht hat es geregnet und am Morgen sieht es draußen ganz mies aus. Steffi kommt auf die glorreiche Idee, noch vor dem Frühstück einkaufen zu gehen und kommt total durchnässt zurück. Aber ab elf Uhr soll der Regen aufhören.

Wir trotten im strömenden Regen den gleichen Weg zum Limestone Way zurück. Gestern kam er uns länger vor – Wir fürchten ein wenig den Matsch im Peters Dale.

So schlimm isses dann aber gar nicht. Nach dem Peters Dale folgt sofort das Haydale, eins schöner als das andere. Ein grasiger Pfad führt uns durch grüne Täler mit felsigen Wänden und vereinzelten alten Baumgruppen.

Der Ausstieg aus dem Tal ist superwindig, steinig und später auf Asphalt. Aber schon bald erklimmen wir eine steile Wiese, erreichen einen Grat, und vor uns liegt eine Landschaft, die uns an eine Graswüste erinnert – So stellen wir uns die Innere Mongolei vor!

Mittlerweile hat es aufgehört zu regen und siehe da – Die Sonne hat sich besonnen und bescheint uns für den Rest des Tages. 🙂

Trotzdem weht ein eisiger Wind und nur Sonne ohne Wind ist warm!

Kurz vor Castleton führt uns der Weg durch ein weiteres Dale, dieses Mal durch das Cavedale. Der Abstieg durch das Tal ist eine Zumutung: Der Weg zwängt sich teilweise nur zwei Meter breit durch die Felswände und die gesamte Breite nimmt ein steiniger Bach ein. Noch dazu sind die Kalksteine superglitschig. Eine echte Konzentrationsarbeit!

Der Eingang der namensgebenden Höhle ist zwar vergittert, aber ein unheimliches, an einen lauten Generator erinnerndes Brummen dringt aus dem Loch. Spooky!

Im unteren Drittel öffnet sich das Tal in ein felsiges Rund, über dem links die Ruine des Perveril Castle thront – Der Weg dorthin ist uns dann aber doch zu steil und glitschig und wir verzichten auf die Besichtigung.

Viel mehr reizt uns die Aussicht auf einen Kaffee – Castleton ist ein touristischer Hotspot, aber zum Glück nicht Anfang Mai. Wir finden ein nettes Café, das leckere Brownies anbietet, aber leider keine Bakewell Tarts! 🙂

Castleton – übrigens ein sehr hübscher Ort mit vielen Limestone-Häusern – hat eine große Schauhöhle mit einem sehr großen Parkplatz davor. Das große Werbeschild für die Höhle spricht uns so gar nicht an:

Höhlen haben wir schon genug auf der Alb und so sehen wir zu, dass wir vom Hope Dale ins Edale Valley kommen … beide trennt eine beindruckende Bergkette, die wir überwinden müssen. Ein letzter Kraftakt des Tages, der uns gut vom Fuße geht. Interessant ist, dass es auf dem Anstieg fast windstill ist, aber es uns ab dem Grad und talwärts fast aus den Socken weht.

Auf dem Grat – Hollins Cross – angekommen haben wir den Kinder Scout und den alten Aufstieg des Pennine Ways am Grindbrook Clough entlang direkt vor den Augen. Wir hören schon, wie der Pennine Way uns ruft!

Der Kinder Scout ist überhaupt der Grund, warum wir nach den zwei Nachholtagen von Rugeley nach Uttoxeter nicht sofort bis zum Hadrians Wall weiterfahren: 2016 sind wir erst am Wessenden Head auf dem PW eingestiegen. Ehrlich gesagt, wir hatten Schiss vor der langen Etappe von Edale bis nach Torside! Stattdessen haben wir den „Alternative Pennine Way“ über Burbage Edge und durch das Dervent Valley genommen. Das war zwar auch ein schöner Weg, aber im Nachhinein hätten wir uns geärgert, wenn wir den Pennine Way nicht komplett gelaufen wären. So ist der Kinder Scout für uns der Gipfel der Perfektion und der Pennine Way ist so oder so unser absoluter Lieblingsweg in Great Britain! So machen wir in Edale unbedingt noch den Umweg zum „Old Nags Head“ und damit zum Beginn des Pennine Wegs.

Als unsere Schuhe im ¨Ramblers Inn¨ langsam neben der Heizung trocken, schnuppert Steffi und seufzt zufrieden – Die Lücke wird geschlossen und die Krämerseele hat Ruh! 🙂

Variante Tag 46: Hulme End nach Tideswell, 26km

Mauern statt Hecken, eine englische Karten-Kuriosität, viel Wasser, die perfekte Unterkunft … und endlich ein Wetter!

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Heute erwartet uns ein toller Tag voller Abwechslungen. Am Morgen geht’s weiter am River Manifold entlang, mittags über die satten Wiesen im Kalkstein-Land und am Nachmittag der Abstieg in das Millers Dale und weiter durch das Monks Dale bis nach Tideswell.

Schon als wir am Morgen aufwachen, lacht die Sonne ins Zimmer. Der erste Gang vor die Tür zeigt aber, dass es noch empfindlich kalt ist: Die Wiesen sind grau von Rauhreif und es weht eine kühle Brise. Aber wir wollen ja nicht meckern – Der Wetterbericht verhieß einen bedeckten Tag!

Nach einem guten gehaltvollen englischen Frühstück mit Fried Bred (in Fett gebratetenem Toast), Black Pudding (gebratener Blutwurst) und den üblichen Bohnen, gebratener Tomate, Wurst und Schinken sind wir gerüstet für den Tag. Zwar sind einige Pubs auf dem Weg eingezeichnet, aber ob die geöffnet haben? Vorräte haben wir kaum noch.

Zunächst geht es weiter am River Manifold entlang. Heute allerdings nicht mehr über den Bahnweg, sondern über Country Lanes und durch Marschland. Zum Glück ist es relativ trocken und trotz einiger Fehtritte in den Matsch halten die wasserdichten Socken. Hier unten am Fluss ist es windgeschützt und wir ziehen zum ersten Mal unsere Windbreaker aus, yeahh!

Außerdem sind wir nun in Derbyshire und der Unterschied ist offensichtlich: Obwohl wir nach dem Manifold Trail nur über lokale „public footpaths“ laufen, erkennt man: Diese Wege werden BEGANGEN! Wir bedanken uns recht herzlich bei den Bauern in Derbyshire, die die Stiles pflegen, Brücken setzen und Steine auf matschige Stellen legen. So gehört sich das!

Ein besonderes Highlight des Tages sollte die Durchquerung eines großen Kalksteinbruchs sein. Auf der Karte führt ein Weg mittendurch. Abenteuerlich!

Tatsächlich müssen wir vorher erst mal einen ordentlichen Berg über sattgrüne Wiesen und zahlreiche Stiles hochsteigen. Das erste Mal auf dieser Tour geraten wir richtig ins Schwitzen. Je höher wir aber steigen, desto mehr weht wieder der Wind. Also Jacken wieder an, wieder aus, wieder an … 🙂 Oben auf dem Berg erwartet uns der perfekte Blick in die Dales: Mauern, Schafe, Wiesen, spitze Berge und fotogene Wolken. Auf der anderen Seite aber klafft der Abgrund – der Berg ist komplett abgeschnitten und unter uns liegt der größte Steinbruch, den wir je gesehen haben! Als wir aber den Weg durch den Steinbruch suchen, werden wir enttäuscht – Es gibt keinen! Da, wo er laut unserem GPS und Karte beginnen soll, geht es 100 Meter tief steil nach unten, geschützt durch einen Zaun!

Wir stellen uns vor, wie Ordnance Survey die Zähne fletscht: ¨Hier befindet sich ein historisch beurkundeter Fußpfad! MITNICHTEN werden wir diesen auf unseren Karten löschen! Wir sind die königliche Instution, die die Hand auf die Bewahrung solcher Wege hält!¨ Englische Right-of-Way-Intrigen? Tja, aber der Weg ist nun einfach nicht mehr da!

So bleibt uns nicht anderes übrig, als den langen Weg um den Steibruch herum anzutreten. Auf einem gut ausgetretenen Pfad, der nicht auf der Karte eingezeichnet ist, ts ts ts! 😉

Nach diesem Hindernis treffen wir nach der Überquerung einer dichtbefahrenen Bundesstraße (wir hoppeln darüber wie die Hasen!) auf den Limestone Way, der uns bis ins Millers Dale führt. Hier bekommen wir nach einem Kniekracher-Abstieg endlich unseren wohlverdienten Kaffee an der Mühle.

Der Limestone Way hätte uns über die Hochebene am Monks Dale vorbeigeführt. Wie aber haben uns für den etwas längeren Weg durch das Tal entschieden. Uns erwartet ein wundervoller, romantischer Abschnitt mit einem plätschernden Wasserlauf und steilen Wegen links und rechts. Ganz klar das Highlight des Tages!

Wir fragen uns, warum der Limestone Way dieses wunderschöne Tal auslässt … Im oberen Teil des Tals wissen wir es dann: Es geht zwei Kilometer über glitschigste Steine, durch Modder und über einen Knöchelbrecher-Pfad, der eigentlich das Bachbett selber ist. Carla, du wärst gestorben! 🙂

Trotzdem sind wir begeistert von diesem Dale … Die letzten zwei Kilometer entlang einer engen, mauereingefassten Straße bis nach Tideswell sind ein fairer Preis dafür.

Das Horse and Jockey Inn ist ein gemütliches, lebendiges Pub mit tollen Zimmern – und auch nicht teurer als andere, wesentlich schlechtere Unterkünfte, die wir sonst so hatten. Ein Zimmer mit Himmelbett und Sofa, alten Möbeln und dem Charme der Vergangenheit – das mögen wir!