Tag 72: Kelso nach St Boswells, 23km

Friedel und Steffi auf Abwegen am Rande der Legalität – ein Spaziergang am River Tweed.

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Für heute haben wir einen gemütlichen Spaziergang am River Tweed entlang geplant. Dabei wollen wir am Ende der Tour noch Dryburgh Abbey besichtigen. Wir freuen uns unmäßig auf die Tour, vor allem weil die Sonne lacht!

Deshalb haben wir uns natürlich wieder für das kurzhosige Wanderoutfit entschieden. Aber wie schon in den letzten Tagen weht auch heute eine steife Brise, die einem echt durch Mark und Bein geht. Zu heiß war uns heute also nicht. Der Wind stiehlt den Frühling!

Um möglichst viel vom Fluß mitzunehmen, hat Steffi im Vorfeld eine spezielle Route ausbaldowert: Wir nehmen am Morgen nicht den Border Abbeys Way, denn der führt uns weit entfernt vom Fluss über Landstraßen. Stattdessen wollen wir über das Gelände von Floors Castle laufen, denn a) sehen wir so das Schloss von außen, b) bleiben wir dicht am Fluss, der uns gestern von Weitem schon sehr gefallen hat.

Als wir dann aber vor dem großen Tor des Anwesens stehen, überkommen uns schon die ersten Zweifel, ob wir wirklich durch das weitläufige Gelände wandern dürfen. Wir versuchen sogar, direkt am Fluss zu laufen und damit das Privatgelände des Duke of Roxburgh zu umgehen – keine Chance!

Also rein ins Tor und wacker losgestratzt!

Schließlich gibt es in Schottland das ¨Right to Roam¨, also das Recht, sich frei über privates Gelände zu bewegen, auch wenn es einem Duke gehört!

Als wir auf das erste Schild mit ¨private Road¨ treffen, werden wir ein wenig nervös. Sollen wir hier wirklich durchlaufen? Auf der Karte sehen wir, dass es einen anderen Weg oberhalb des Flusses gibt. Aber auch dort gibt es das gleich Schild. Wat nu? Wir könnten uns auch zum Besucherparkplatz durchschlagen (das Schloss ist zu besichtigen), allerdings führt die Straße von dort auf eine Hauptstraße. Das kommt nicht in Frage! Wir laufen also auf der Privatstraße weiter. So richtig genießen können wir unseren Spaziergang nicht, denn immer wieder kommen uns Pickups beladen mit Anglern oder Jägern entgegen. Sollen wir sie grüßen? Wie begrüßt man den Duke, sollte er uns anpflaumen? Aber niemand spricht uns an, alle grüßen freundlich zurück.

Wir überspielen unsere Klammheit mit blöden Witzen: ¨Wir sind gekommen, unser Erbe anzutreten!¨ oder ¨Ich bin doch die Cousine vierten Grade des Dukes, Stephanie von Hannover! Hat Ihnen mein Onkel nicht Bescheid gesagt?¨

Nach einer Stunde strammen Marsches durch die riesige Parkanlage kommen wir endlich am vermeintlichen Ende des Anwesens an. Kein Zaun, keine Mauer, wir können einfach weiterlaufen!

Der River Tweed ist ein wirklich schöner, naturbelassener Fluss und war scheinbar schon früher einen begehrte Wohnlage der Lordschaft. Es macht uns schon misstrauisch, dass der Weg am Fluss plötzlich ordentlich gemäht ist, wir wandern sozusagen über gepflegen Turf. Kurze Zeit später begegen wir einer Gruppe propperer Angler mit KRAWATTEN! MIT FISCHMUSTERN! Wir befinden uns auf dem Gelände des nächsten Grand Maison, Makerstoun House, einem strahlend weißen Landsitz.

Hier endet unser eingezeichneter Weg im Nichts, die eine Möglichkeit wäre, zum Landschlösschen zurückzulaufen und dort direkt über den Hof zu laufen. Wir entschließen uns hingegen, etwas abseits vom Haus den Hang hochzuklettern und über den Zaun zu steigen :-O

Danach klettern wir noch über ein Gatter, das sich nicht öffen lässt und stehen auf einer Wiese mit Kühen und vielen Kälbern, die alle beunruhigt aufstehen, aber erst mal nur glotzen. Wir machen, dass wir Land gewinnen!

Als wir schließlich den Border Abbeys Way erreichen, sind wir heilfroh. Hier herrscht Rechtssicherheit!

In England ist klar: Eine grüne Linie auf der Karte, ein Footpath-Schild oder eine Plakette bedeuten, dass wir uns auf einem ordentlichen Fußpfad bewegen: In Schottland gibt es diese jedoch nicht, und so ganz sicher sind wir uns nicht mit dem Recht, sich frei zu bewegen!

Auf dem offiziellen Weg läuft es sich auch nicht schlecht. Er liegt etwas höher als unser Flussweg und von Weitem grüßen schon die Eildon Hills, über die wir morgen steigen werden.

Auch der Borders Abbey Weg führt uns wieder zum Fluss hinunter, wo wir unsere Mittagspause auf großen Steinen am Flussufer verbringen. Wir treffen keine anderen Wanderer, nur der eine oder andere Fliegenfischer steht im Fluss und wirft seine Rute aus.

Als wir schließlich Dryburgh Abbey errreichen, sind wir überrascht von der Größe und dem guten Erhaltungszustands des alten Klosters. Das Refektorium ist als Raum noch komplett erhalten und an den Wänden sind noch Reste der Originalbemalung zu sehen. Im ehemaligen Kirchenschiff sind Sir Walter Scott und seine Familie begraben. Der alte Dichter ist uns heute schon mal begegnet: Von Weitem haben wir den Smailholm-Tower gesehen, wo der Dichter seine Kindheit verbracht hat. Morgen werden wir seinen Wohnsitz Abbortsford House besichtigen. Für Friedel ist der Dichter unser Schutzpatron – Sir WALKER Scott! 🙂

Nach der Überquerung einer alten Hängebrücke und einem weiteren schönen Flussabschnitt erreichen wir Saint Boswells und unsere heutige Unterkunft, das Buccleuch Arms. Das Hotel ist gediegen und der Preis hoch, aber das Zimmer ist viel kleiner und weniger luxuriös als andere und günstigere Zimmer, die wir bisher hatten. Ich sage nur: Lage, Lage, Lage! Das Hotel ist fest in der Hand einer Gruppe lärmender Dänen. Auch Deutsch hören wir wieder, das erste Mal seit zwei Wochen. Ein Plus des Ladens ist jedoch das sehr gute Essen!

Soweit zu unserem zweiten Bummeltag. Morgen gibt’s wieder Berge und gleich zwei Top-Sehenswürdigkeiten: Melrose Abbey und Abbotsford House!

Tag 71: Town Yetholm nach Kelso, 17km

Ein Hoch auf die Mittelmäßigkeit!

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Der heutige Tag ist ein absolutes Beispiel der Mittelmäßigkeit: Das Hotelzimmer ist mittelgroß mit mittelgutem Frühstück. Das Wetter ist mäßig, es regnet nicht, aber die Sonne zeigt sich auch nicht. Es ist nicht kalt, aber auch nicht warm und es weht eine Brise, die Briten wohl als mittelstark bezeichnen würden – Wir nennen es einen mäßigen Sturm. Super ist, dass sich unsere Waden und Gesichter vom leichten Sonnenbrand der letzten Tage erholen können! 🙂

Beim Frühstück sind wir immer noch unentschlossen, ob wir heute mit langer oder kurzer Hose gehen sollen. Do like the Natives do: Ein Brite, der mit uns beim Frühstück sitzt und mit dem wir uns kurz und steif unterhalten – er läuft den Saint Cuthbert’s Way – trägt heute kurz, also machen wir das auch. Friedel findet das im Laufe des Tages okay, Steffi ist ’s zu kalt. 🙂

Der heutige Tag ist ein Brückentag – Den PW haben wir abgeschlossen und morgen geht es auf dem Borders Abbey und dem Southern Upland Way weiter. Wir haben uns für heute eine mittellange Route über sanfte Hügel und Feldwege gesucht, denn wir wollen uns ein wenig von den Strapazen der letzten Tage erholen.

Nur am Anfang des Tages gibt es einen kleinen Anstieg, dafür werden wir jedoch mit einem schönen Blick auf Yetholm und zurück auf die Cheviot Hills belohnt.

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Die weitere Route bietet in der Tat keine Highlights, aber das gleichmäßige Trotten über wenig befahrene Country Roads und die grünen Wiesen und gelben Felder (richtig gelb – rapsgelb!) sind angenehm für’s Auge.

Kelso ist ein mittelgroßes nettes Städtchen am River Tweed mit einer alten Abbey, die noch mittelgut erhalten ist. Diese Touristenattraktion haben wir nach insgesamt 15 Minuten abgehakt und gönnen uns einen Luxus, den wir in den letzten Tagen vermissen mussten: Einen richtigen Kaffee Latte mit Scones! 🙂

Was gar nicht mittelmäßig ist, ist unser Zimmer im von außen eher unscheinbaren Queenshead Hotel: Supergroß, luxuriös und gar nicht so teuer!

Alles in allem sind wir sehr zufrieden mit dem heutigen Tag: Wir sind schon um 14 Uhr da und haben noch Zeit für Kaffee, Kultur und Abfläzen im Hotel. Ein wenig befremdlich ist allerdings der Blick vom Zimmer auf einen alten Friedhof und schauriges Krähengekrächze! 🙂
Morgen scheint dann wieder die Sonne!