Auf dem E11 von Goslar nach Seesen – wer braucht denn da noch Schottland?

Gelaufen am 23. September 2021: 23 Kilometer

Seit fast drei Monaten verbringen wir unsere Freizeit fast ausschließlich mit Abreißen, Verputzen, Streichen und Kistenpacken. Das Harzhaus soll fertig werden, bevor der große Umzug vom Schwabenländle in den Norden startet. Da sind wir Neubürger in einer wunderschönen Landschaft und wir haben einfach keine Zeit, die Gegend kennenzulernen!

Zwei Wochen hatte der Friedel Urlaub und die sind nun fast um. Heute habe ich seine Hände Finger für Finger von der Mörtelkelle gelöst und ihm seine Kamera umgehängt, ihm seine Wanderschuhe angezogen und ihn aus der Tür geschoben. Ein wundervoller Spätsommertag ist angesagt und der muss genutzt werden. Nur EIN Tag mal ohne Kalkputz und Leimfarbe!

Direkt über die Einkaufsmeile von Seesen läuft ein Europäischer Fernwanderweg, der E11. Solche internationalen Wanderwege beflügeln immer meine Phantasie – Wie wäre es, direkt vor unserer Haustür loszulaufen und zu wandern und zu wandern und zu wandern, bis man fast in Russland landet? Der E11 startet nämlich in Den Haag an der Nordsee und führt bis Tallinn in Estland.

So weit werden wir heute nicht kommen, aber die 23 Kilometer von Goslar nach Seesen versprechen eine abwechslungsreiche Tour an zwei Stauseen entlang und führen uns dazwischen über waldige Hügel, so verspricht es die Karte.

Die Fahrt mit dem Mini-RB von Seesen nach Goslar dauert nur 20 Minuten. In Goslar haben wir 2020 die letzte Etappe unseres Deutschlandwegs von Schaffhausen nach Lübeck beendet. Nie hätten wir damals gedacht, dass wir hier wohnen würden!

Friedel kann sich an den Bahnhof in Goslar kaum noch erinnern. Ich aber weiß noch ganz genau, wo wir vor einem Jahr einen Kaffee und Rosinenbrötchen gekauft haben – und genau das machen wir heute auch!

Der E11 beginnt direkt am Bahnhof und führt uns heute nicht in die pittoreske Altstadt von Goslar, sondern direkt durch ein Villenviertel hoch in den Wald. Sehr bald entdecken wir die typische Wegmarkierung der Europäischen Fernwanderwege, das weiße Kreuz auf schwarzem Grund.

In den Medien sieht und hört man ja immer, dass der Harz ganz arg vom Borkenkäfer geschädigt sei und den Wanderer kilometerweite Wüsteneien von toten Bäumen erwarten. Wir sind also glücklich, dass hier „bei uns“ der Wald scheinbar noch nicht ganz so betroffen ist. Zwar gibt es auch hier im Oberharz kahle Stellen im Wald, aber mittlerweile sind die Stumpen wieder mit Grün überzogen. Wir freuen uns über Farne am Wegesrand, goldene Gräser, Blaubeerbüsche und Heidekraut. Jetzt im Herbst sprießen überall Pilze und der Wald macht einen fast wilden Eindruck. Wir sind begeistert!

Noch mehr freuen wir uns, als wir den ersten großen Stausee, den Granesee, erblicken. Der Stausee ist eingeschlossen von waldigen Hügeln und selbst die Uferlinie sieht ziemlich natürlich aus. Hier sieht es fast so aus wie in Schottland!

Hier unten am See windet es wie verrückt. Wir haben Schwierigkeiten, auf der Staumauer das Gleichgewicht zu halten. Obwohl der See nicht besonders groß ist, schwappen Wellen an das Ufer und es bilden sich Schaumkronen auf der Wasserfläche. Huuiiii!!!

Nach dem Grane-Stausee geht es wieder ein wenig bergauf, was zu erwarten war. Ein Anstieg von 300 auf 400 Meter ist dabei aber recht angenehm und schon bald steigen wir nach Wolfshagen ab, dem einzigen Ort auf der heutigen Strecke. Hier freuen wir uns über eine Bäckerei, die uns einen weiteren Kaffee und Laugengebäck beschert. Zwar liegt der Ort recht hübsch in waldige Hügel eingebettet, weist aber sonst keine weitere Besonderheiten auf.

Außer … hier wurde der Klavierbauer Heinrich Steinweg geboren, der sich nach seiner Auswanderung nach Amerika in „Steinway“ unbenannte. Da er seine erste Werkstatt in Seesen errichtete, gibt es heute einen Wanderweg von hier zu unserem neuen Wohnort, cool in Neusprech „Steinway Trail“ genannt. Aber diesen Weg zeigen wir euch ein anderes Mal!

Der E11 führt uns hinter Wolfshagen in großem Bogen erneut um den Ort herum. Wir blicken auf grüne Bergwiesen, eingerahmt von dunklem Wald. Hübsch!

Die Wolfshagener haben scheinbar trotzdem Bedenken, dass der Wanderer bzw. die Wanderin sich bei ihnen langweilen könnte. Deshalb wollen sie uns am Wegesrand mit unzähligen Infotafeln unterhalten, über den Wald, die Schmetterlinge, das Diabasgestein und was-weiß-ich-noch-alles …

Phantastisches Wanderwetter haben wir heute. Nicht umsonst ist Ende September unsere bevorzugte Wanderzeit. Letztes Jahr waren wir zu dieser Zeit auf dem Rennsteig in Thüringen unterwegs. Das Wetter war am 23. September 2020 sehr ähnlich!

Zwischen Wolfshagen und dem Innerste-Stausee müssen wir einmal kurz einen kleinen Buckel überwinden und schon laufen wir über die nächste Staumauer. Im Vergleich zum Granesee ist hier auffällig, dass der See touristisch intensiver erschlossen ist – Es gibt einen Campingplatz, eine Badestelle und Surfer auf dem Wasser. Auch hier weht eine ordentliche Brise, sodass die Surfer binnen einer Minute am anderen Ufer sind! 🙂

Zwei Drittel der Strecke haben wir nun schon geschafft. Der größte Anstieg kommt aber noch – auf vier Kilometern geht es fast 400 Meter hoch! Hier kommen wir gut ins Schwitzen, werden aber mit tollen Ausblicken auf den Innerste-Stausee belohnt.

Hier oben fällt nun doch auf, dass der Wald großflächig geschädigt ist. Doch so haben wir immerhin eine gute Weitsicht! . In der Ferne erkennen wir sogar den Brocken!

Wir nähern uns nun Seesen. Es ist erstaunlich, dass auch hier der Europäische Fernwanderweg die Wanderer durchweg über breite Schotterwege zum nächsten Tagesziel führt. Das hat uns schon auf dem E6 letztes Jahr im Harz von Herzberg nach Goslar genervt. Dabei wissen wir mittlerweile, dass es hier jede Menge schöne naturbelassene Pfade gibt – aber nicht als Europawege!

Drei Kilometer vor Seesen geht es bergab und bergab und bergab. Letzter Posten vor der Zivilisation ist das verlassene Gasthaus auf der Wilhelmshöhe, dass ich schon von einer meiner Homeoffice-Touren kenne. Hier könnte man mal ein Event für „Lost Places“-Fotografen anbieten, es ist ein Jammer, dass das Gasthaus leer steht!

Um 15:45 Uhr betreten wir mit dem Parkplatz am REWE wieder vertrautes Gebiet. Ich husche noch schnell zum Bäcker im Markt, um Kuchen für unsere wohlverdiente Kaffeepause zu besorgen. Morgen widmen wir uns dann wieder den Wänden und Böden im neuen Haus – aber heute war mal Pause!

2. Kandidat für die neue Hausrunde in der neuen Heimat: Über den Horpke

Seesen-Dröges Teiche-Horpke-Kirschgrund-Seesen: 5 ,5 Kilometer

In den letzten zwei Wochen litt ich unter argen Rückenschmerzen.
Natürlich habe ich mich gefragt, woher ich die habe. Zum einen bewege ich mich im Seesener Homeoffice viel weniger als im Stuttgarter Büro: Ich besuche keine Kollegen in den Nachbarbüros, steige nicht zu den Lehrkräften in den dritten und vierten Stock runter und laufe nicht zum Bahnhof.

Zum anderen sind meine momentanen Freizeitbeschäftigungen der Rückengesundheit nicht gerade zuträglich: Ich schleppe Kalksäcke, lege Balkenwerk frei und schmirgle über Kopf Holzdecken ab. Und meinen unverzichtbaren Physiotherapeuten Ivanor habe ich schon seit Wochen nicht gesehen – Das habe ich nun davon!

Aber in den letzten Tagen habe ich entdeckt, was mir hilft – kein Körnerkissen, kein Stretching, keine Salbe. Ich muss laufen!

So habe ich mir also selbst verordnet, jeden Tag mindestens fünf Kilometer zu wandern – vor oder nach der Arbeit!

Wenn man von neun bis 16 Uhr Uhr im „Büro“ sein muss, kann man keine langen Harztouren planen. Stattdessen erkunde ich die Umgebung und küre neue Kandidaten für die neuen Hausrunden. Heute Morgen: Über den Horpke!

Der Horpe ist eigentlich nichts anderes als ein kahler Hügel inmitten von Mais- und Weizenfeldern. Vom 273 Meter hohen Gipfel südlich von Seesen hat man an klaren Tagen bestimmt einen schönen Blick auf Seesen, das Harzvorland und den Harz selbst. Heute aber wabern die Nebel!

Oben am Gipfel steht eine einsame Bank, die aber nass vom Morgentau ist und heute keine besondere Aussicht bietet – macht nix, ich komme wieder!

Ich stelle mir vor, wie wir hier bei stürmischen Herbstwinden sitzen oder im Winter im hohen Schnee vorbei stapfen. Der Horpke ist nicht spektakulär, aber als Ziel für eine schnelle Morgentour gut genug!

Unten im Tal – der Kirschgrund

Sonntagsspaziergang -Steffi und Friedel suchen ihre neue Hausrunde!

Seesen-Harzrand-Winkelsmühle-Seesen: 8,5 Kilometer

Nachdem wir heute Nachmittag von einem Familienbesuch wiedergekommen sind, lohnt es sich eh nicht, nochmal in die Arbeitsklamotten zu steigen und weiter zu schuften. Zeit ist’s, mal eine kleine Naherholungstour einzuschieben!

Für den frühen Abend ist ein Gewitter angekündigt. Also packen wir gar nicht erst die Rucksäcke mit Mamas Proviant aus, sondern steigen sofort in die Wanderschuhe und stiefeln los. Zuerst geht es am „Rewe“ vorbei durch ein Wohngebiet und hoch zum Haushügel „Bulk“, sagenhafte 270 Meter hoch. Nach einem Kilometer sind wir raus aus dem Städtchen und auf freiem Feld.

Obwohl wir uns in unmittelbarer Nähe des Örtchens bewegen, treffen wir erstaunlich wenige andere Spaziergänger. Liegt es am angekündigten Gewitter oder daran, dass Schulferien sind? Oder ist es hier immer so leer? 🙂

An einem Sonntagnachmittag auf derAlb gäbe es kaum ein freies Bänkchen. Hier jedoch finden wir sofort einen Top-Aussichtspunkt auf 300 Höhenmetern mit freier Sitzgelegenheit. Nach dem Aussichtsfoto und dem Selfie springen wir jedoch sofort wieder auf – Stechmücken-Alarm!

Der Weg oben am Harzrand ist zwar auf der Karte von Outdoor-Active wunderbar verzeichnet, aber in der Realität kaum bis gar nicht existent. Aber das kennen wir ja schon. Dieses Mal müssen wir nur durch holpriges Gelände und wadenhohes Gras nach unten steigen, ein Kinderspiel. Noch kurz über einen Elektrozaun gehechtet und einen mistgedüngten Acker überquert, schon sind wir wieder auf einem festen Schotterweg!

Nach der Überquerung der Bahnstrecke Braunschweig-Herzberg betreten wir das Naturschutzgebiet rund um die Winkelsmühle. Hier wollten wir schon länger mal hin, denn hier gibt es viele Teiche. So schön die Alb auch ist – in der alten „Heimat“ haben wir die Wasserziele etwas vermisst!

Das Reetdachhaus auf dem Eingangsfoto steht inmitten einer Gruppe von etwa fünfzehn Forellenteichen, alle scheinbar an einen Angelverein vermietet. Aber uns gefällt, dass die Teiche nicht abgesperrt sind, sondern auch für Spaziergänger zugänglich sind.

Zurück nach Seesen geht es immer am Bach Schildau entlang über geschotterte Wege, teilweise recht hübsch von den Seiten eingewachsen.

Kurz vor Seesen wird es merklich dunkler und der Donner grollt. Wir beeilen uns, schnell nach Hause zu kommen und nehmen eine Abkürzung entlang der vielbefahrenen Braunschweiger Straße. Hier ist es nicht hübsch, aber ich kann Friedel zeigen, wo „Aldi“ und „dm“ sind. 🙂

Als wir die Haustür aufschließen, beginnt es zu regen und kurz darauf schüttet es. Das nennen wir ein gutes Timing!

Fazit: Ein Harz-Feeling kam bei der kleinen Tour nicht wirklich auf, aber für eine nicht mal zweistündige Tour war der Weg allemal gut geeignet. Freut euch auf mehr neue Hausrunde-Kandidaten!

Bergfest im Harzhaus – von nun an geht’s bergauf!

Schon seit zwei Monaten lebt Friedel im neuen Haus am Harz und haust quasi auf der Baustelle. Ich bin nur von Freitag bis Sonntag dort – Nach fast zwanzig Jahren führen wir wieder eine Fernbeziehung! 🙂

Von Montag bis Donnerstag wickle ich im Ländle meinen Job ab, packe Umzugskisten und räume auf – Unglaublich, was sich im alten Haus in Geislingen so angesammelt hat!

Friedel im Harzhaus spuckt jeden Abend nach dem Homeoffice in die Hände und renoviert. Am Wochenende kann ich’s kaum erwarten, ebenfalls in die Drecksklamotten zu steigen und zu reißen, zu hämmern und Schutt wegzuschaffen. Unser „Omahaus“ in Seesen ist ein echtes Kleinod, finden wir. Reißt man die Styroporwände, Wandpaneele und Teppichlagen raus, kommen urtümliche Lehmwände und Dielenböden zum Vorschein. Für viele ein Graus, für uns ein Entzücken – natürlicher geht es kaum!

Ich bin in erster Linie für die Demontage zuständig. Ich reiße alte Tapeten herunter (im Wohnzimmer achtlagig!), klopfe lehmverputzte Balken frei und räume Teppichböden und altes PVC ab.

Friedel hingegen baut die Zimmer dann wieder auf: Er verkleidet die Wände mit Schilf, verputzt mit Kalk und verlegt die neuen Böden. Aber Selbermachen dauert unendlich lange!

Ich bin schon stolz auf mich – Ich hätte nicht gedacht, dass ich körperlich so schwer arbeiten kann. Eimerweise haue ich den Lehm von den Balken, trage den Schutt die steile Treppe hinunter und türme ihn im Hof zu einem Berg auf. Mit dem Cutter zerteile ich lagenweise alte, staubige Bodenbeläge und Tapeten und schleppe sie Stück für Stück nach unten.

Am Wochenende wandern, Kaffeetrinken und Lesen – das war einmal! Am frühen Abend sinke ich müde und mit Rückenschmerzen auf meine Matratze.

Und was Friedel sich handwerklich so angeeignet hat, ist schon beindruckend – nicht schlecht für einen Akademiker mit zwei linken Händen! Die Außenwände werden mit Schilfrohr-Matten isoliert und dann mit Kalk verputzt. Die Innenwände dann“patschokiert“, also mit einer dünnen Schicht aus Kalkmörtel befestigt und dann verputzt.

Sieben Zimmer haben wir so zu bearbeiten, zwei sind schon fast fertig. Bis wir alle Zimmer renoviert haben, brauchen wir bestimmt noch ein halbes Jahr!

Aber immerhin gibt es schon zwei Zimmer, die fertig renoviert sind. Wir haben ein großes Arbeitszimmer unter dem Dach und ein „Schlafzimmer“ im Erdgeschoss, das eigentlich mal das Esszimmer wird. Außerdem ein luxuriöses Badezimmer, das schon in Betrieb war, als wir hier eingezogen sind. Und wir haben unsere „Sommerküche“, ein steinernes Gartenhaus, das wir im Moment als provisorische Küche nutzen.

Unser Esszimmer ist der Gartenpavillon, in dem wir essen, chillen, Pläne schmieden. Gold wert ist dabei der neue Elektrogrill, der arbeiterfreundliches Abendessen ermöglicht – nur Gemüse schneiden, Bratwurst und grillbare Beilagen auf den Rost werfen – schon fertig ist die kalorienreiche Malocher-Mahlzeit. Wir nennen es – „Glamping-Baustelle“!

Allerdings ist es in den letzten Tagen empfindlich kalt geworden. Dabei haben wir erst Mitte August. Aber zum Glück sind die warmen Schlafsäcke schon hier. Bis Ende Oktober müssen wir es so noch aushalten. Dann ist der Umzug geplant und das Schlafzimmer wird zum neuen Esszimmer. Drückt uns die Daumen, dass wir den Zeitplan einhalten können.

Falls nicht … wird weiter improvisiert! 🙂

Steffi und Friedel 2021 – Werkeln statt Wandern!

Viele bemängeln ja, dass während der Corona-Pandemie nichts passiere und ihr Leben irgendwie still stehe … nun, das können wir nicht behaupten! 🙂

Mitten in der Pandemie, Ende April, sind wir nach Süd-Niedersachsen gefahren, um uns ein Häuschen anzusehen. Verrückt, aber wir haben es sofort gekauft! Friedel ist sogar schon umgezogen, ich aber muss noch bis Ende August im Stuttgarter Raum „aushalten“ – ab September jedoch heißt es auch für mich nur noch „Moin Moin!“ statt „Grüß Gott“! 🙂

Natürlich müssen wir euch die ganze Geschichte erzählen. Und da dies ja ein Wanderblog ist, werde ich euch auch erklären, was die ganze Aktion mit „Wandern“ zu tun hat!

Friedel und ich nähren schon seit Längerem den Gedanken, auf keinen Fall bis 67 weiterarbeiten zu wollen. Zwei Wochen Wandern im Frühling, zwei Wochen im Herbst, das ist uns viel zu wenig!

Ich weiß noch genau, wann und wo wir das erste Mal konkret darüber gesprochen haben, dass wir aus dem klassischen Berufsleben „aussteigen“ wollen – Es war 2017 auf einem Sitzstein auf dem „Kinder Scout“ im Peak District, als wir darüber sinnierten, wie es wohl wäre, jetzt einfach weiterzulaufen. Und weiterzulaufen. Und weiterzulaufen …

Seitdem haben wir uns viele Gedanken gemacht, wie sich eine längere Auszeit wohl realisieren ließe – ein Sabbatical einschieben, sich selbstständig machen, das Haus verkaufen … jaaaa, das Haus verkaufen!!!!!

Eigentlich hängen wir ja an unserem großen Fachwerkhaus im schönen Schwabenländle. Aber auch andere Regionen haben schöne Wandergebiete und noch dazu kommt, dass die Haus- und Grundstückspreise z.B. in Nordhessen und Süd-Niedersachsen viel niedriger sind als im Stuttgarter Speckgürtel. Vielleicht könnten wir ja ein günstiges Haus im Norden erstehen, unser Haus in Geislingen gewinnbringend verkaufen und von der Differenz ein paar Jahre früher im Rente gehen, so unsere Überlegungen. Und noch dazu näher bei der Familie wohnen!

Okay, bis zur Rente sind es es noch einige Jahre, ein bisschen im Ländle arbeiten müssen wir wohl noch, dachten wir. Und dann schlug der Corona-Effekt zu – wo vorher bei mir NIE UND NIMMER Homeoffice möglich gewesen wäre, da ging das plötzlich doch! Friedel hat schon vor Corona viel zuhause gearbeitet, aber ich bin bisher regelmäßig vier Tage pro Woche täglich 120 Kilometer nach Stuttgart gependelt. Aber bevor ich ganz kündige, hat auch mein Arbeitgeber sich entschieden, mich „remote“ weiterarbeiten zu lassen – Glückes Geschick!

Unsere Kriterien bei der Vorauswahl waren diese: Der Ort muss ordentliches Internet haben, einen Bahnhof, Einkaufsmöglichkeiten und er sollte in einer schönen Landschaft liegen. Neubauten mögen wir nicht (und wollen wir uns auch gar nicht leisten) und so haben wir gezielt nach einem günsigen Fachwerkhaus gesucht, gern auch unrenoviert.

Unser Haus in Seesen am Harz haben wir dann über Ebay gefunden: 145 Quadratmeter, mit Innenhof und Garten, altes Lehm-Fachwerk und gepflegte, wenn auch etwas altmodische Innenausstattung. Baulich nicht versaut (abgesehen von Styropor in den Wänden), mit solidem Dach, ordentlichen Fenstern, nicht zu üblem Isolierzustand und funktionierender Gasheizung. Zum schönen Harz sind es nur zwei Kilometer nach Osten und nach Westen liegt das hügelige Leinebergland. Wir haben gleich zugegriffen, bei der ersten Hausbesichtigung überhaupt!

Im Moment leben wir in Seesen wie auf einem Campingplatz: Gekocht wird in der „Sommerküche“, unser Wohnzimmer ist die Gartenlaube und geschlafen wird in den jeweiligen Zimmern, in denen wir noch nicht die Wände eingerissen haben!

Und ein Wandervormittag im Harz war dann in unserer Urlaubswoche trotz der Renovierung noch drin … 🙂

Im Lautental
An der Tränkebachhütte

Danke für den Wandertipp mit der Tränkebachhütte, Chrissi! Die Tour liegt nahezu direkt vor unserer Haustür! Und: Unser nächster DDLN-Abschnitt startet in Goslar, 20km nordöstlich von hier… 🙂

DDLN Etappe 52: Auf dem E6 von Altenau nach Goslar

2. Oktober 2020: 22 Kilometer

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Heute ist unser letzter Wandertag in diesem Urlaub – und er versöhnt uns ein wenig mit dem E6 und dem Harz!

Der Tag beginnt mit glänzendem Wetter und der typischen Harz-Szenerie, die wir schon vom Vortag kennen – breite Schotterwege, schlammiges Ambiente. Auch hier rund um Altenau brummt der Handel mit Fichtenholz!

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Aber schon nach wenigen Kilometern erreichen wir das erste Highlight des Tages: Den Oker-Stausee! Er ist groß, er ist blau – aber leider ist nur wenig Wasser drin.

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Auch nach dem Stausee geht es breitspurig weiter. Aber durch den ausgedünnten Nadelwald gibt es einige hübsche Ausblicke auf den See und die umliegende Landschaft.

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Schön ist der Abstieg nach Römkehall – endlich wandeln wir auf schmalen Wegen!

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Ab Römkehall wollten wir eigentlich einen anderen Weg nach Goslar nehmen, fernab vom E6. Dessen Route führt nämlich durch das Okertal immer parallel zu einer Bundesstraße, was wir uns laut und stinkig vorstellen. Aber im August hat Chrisi von „Wanderblende“ einen tollen Beitrag über das Okertal veröffentlicht, der uns inspiriert hat, nun doch die Route auf dem E6 durch das Oktertal zu nehmen. Falls es euch interessiert: Hier der Link zu Chrisis tollen Beitrag: https://wordpress.com/read/blogs/153741105/posts/5240

Im Gegensatz zu Chrisi sind wir nicht frühmorgens und im Nebel, sondern an einem sonnigen Nachmittag unterwegs – trotzdem sind wir schier begeistert von dem mit großen Findlingen übersäten, engen Tal.

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Im unteren Teil des Tals wird der Weg ausgesprochen steinig und artet über Felsen zu einer moderaten Kletterpartie aus:

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Der Verkehrslärm ist im Tal kaum zu hören: Die Straße verläuft oberhalb des Tals und das laute Rauschen der Oker übertönt den Autoverkehr. Was für ein toller Abschluss unseres Wanderurlaubs!

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In Goslar machen wir noch einen Schlenker über die Kaiserpfalz, einer repräsentativen Burganlage der Salier, ursprünglich aus dem elften Jahrhundert. Bei dem Gebäude handelt es sich um den ältesten Profanbau Deutschlands, was dem Ensemble den Status einer UNESCO-Weltkulturerbestätte eingebraucht hat. Leider wurde der Bau im 19. Jahrhundert ziemlich kaputt renoviert, ist aber trotzdem sehr eindrucksvoll.

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Am Abend ist es noch so warm, dass wir unseren Urlaub in einem Biergarten ausklingen lassen können. Dieses Mal fällt es uns besonders schwer, nicht weiterzulaufen – am liebsten würden wir unsere Wanderung bis Lübeck fortsetzen!

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DDLN Etappe 51: Auf dem E6 von Scharzfeld nach Altenau

Mittwoch, 30. September 2020: 28 Kilometer

Wer die Schönheit des Harzes kennenlernen möchte, sollte sich nicht auf den E6 begeben!

Wir vermuten mal, dass die Europäischen Fernwanderwege konzipiert wurden, um den Wanderer möglichst schnell und effektiv durch Europa zu führen. Es sind quasi europäische Wander-Autobahnen, die uns auf breiten Spuren möglichst gerade und ohne Hindernisse wie Steine und Wurzeln von einer Etappe zur nächsten bringen sollen. Nur so können wir uns erklären, dass der E6 fast nur auf Asphalt und breitesten Forstwegen durch den Harz verläuft – jedenfalls auf der Etappe, die wir heute gelaufen sind!

Der Tag beginnt für uns nass. Nicht dass es regnen würde, nein nein, wir steigen halt in den dichtesten Nebel auf und begegnen dem Phänomen des Flugregens, den wir schon aus Schottland kennen. Direkt hinter Scharzfeld geht es bergauf (von 240 auf 640 Meter) auf den Großen Knollen. Woher er seinen Namen hat, wissen wir nicht, denn wir sehen nichts!

Interessanterweise hat die Baude auf dem Knollen geöffnet und auf dem steinigen Weg dorthin kommt uns im Nebel ein einsamer Poncho-Träger entgegen. Dies wird der einzige Wanderer bleiben, den wir heute treffen.

Den Kaffee bekommen wir durch eine Durchreiche in der Wand serviert und wir trinken ihn auf nassen Picknickbänken vor der Baude.

So halten wir uns dort gar nicht lange auf, denn wir haben noch ein strammes Wanderprogramm vor uns. Nach 400 Metern Aufstieg geht der Weg nun nämlich wieder 300 Meter runter nach Sieber, um uns von dort gleich wieder 500 Meter hoch zu führen. Wir laufen heute 18 Kilometer nur bergauf!

Nach der Knollen-Pause geht es auf einem schmalen und glitschigen Pfad recht steil bergab. Das ist zwar anstrengend und bedarf einer hohen Konzentration, aber dies ist der schönste Abschnitt des heutigen Tages!

Sieber ist nicht der Rede wert und besteht größtenteils aus Pensionen, die Namen wie „Haus Gisela“ oder „Haus Iris“ oder „Tannengrund“ heißen. Die Gardinen vor den Fenstern erinnern uns an unsere Kindheit in den 70ern.

Nach Sieber geht es wieder bergauf, und zwar kilometerlang auf einer asphaltierten Forststraße. Auf meiner Outdoor-Active-Karte ist der Weg jedoch als Schotterweg eingezeichnet. Wir wundern uns über den Belag, aber schnell wird uns klar, warum dieser Aufwand des Asphaltierens getroffen wurde: Auf dem Weg überholen uns mindestes sechs brausende, riesige LKW, mit Baumstämmen beladen. Überhaupt scheint der Holzschlag hier ein einträgliches Geschäft zu sein – wir passieren riesige, abgeholzte Flächen.

Aber auch ohne die Teerstraßen wird es nicht besser: Als wir endlich mal wieder Naturwege unter unseren Füßen haben, müssen wir durch Schlamm waten und über Äste steigen. Was für eine Unverschämtheit, dies ist immerhin ein internationaler Wanderweg!

Als wir die Grenze zum Nationalpark Harz passieren, wird es etwas weniger mit dem Holzschlag. Angeblich werden hier die toten Bäume stehen- und liegen gelassen. Tatsächlich sieht der Wald ein wenig besser aus, aber auch hier gibt es große Flächen mit abgestorbenen Bäumen. Schön ist was anderes!

Kurz vor Altenau freuen wir uns auf den „Wildnispfad“, der auf den Wegweisern ausgeschrieben wird. Auf unserer Karte als dünne, rote Strichel-Linie eingezeichnet, müssen wir auch hier breite Schotterwege in desolatem Zustand passieren, vorbei an großen Wüstungen. Erst kurz vor Altena erfahren wir, dass der „Wildnispfad“ ein 1,5 Kilometer langer Rundweg auf Rindenmulch ist, auf dem die Besonderheiten des Nationalparks en miniature gezeigt werden. Das. Ist. Doch. Nicht. Wild!!!

Beim Einmarsch nach Altena freuen wir uns über eine kleine, letzte Passage auf einem naturbelassen Weg. Na endlich!

Altenau sieh aus wie eine Wild-West-Stadt. Die Häuser sind fast alle aus Holz und sehen aus, als wenn sie nur provisorisch hier ständen. Auch hier buhlen zahlreiche, altmodisch anmutende Pensionen um die wenigen Gäste, die jetzt, Ende September, noch auf den Straßen flanieren.

Viele Geschäfte stehen leer, haben geschlossen oder verkaufen altmodische Harzer Souvenirs aus Holz, Porzellan, Schnaps oder Wurstwaren. Als wir um eine Ecke biegen, kriege ich fast einen Herzanfall, als mich aus einem Hauseingang zwei lebensgroße, struppige Hexen aus Pappmarché angrinsen.

Unser Hotel hat heute Ruhetag und wir laufen ein wenig herum, um einen Platz zum Essen zu finden. Wir landen im ersten Hotel am Ort, das aber merkwürdig aus der Zeit gefallen zu sein scheint: In den Fenstern stehen Barbie-Puppen mit gehäkelten Ballkleidern, die Einrichtung ist rustikal aus den 70ern und in der Ecke sitzen Loriot und seine Verlobte Hildegard.

Aber die Wirtin ist sehr freundlich und das Essen ist gut!

DDLN Etappe 50: Auf dem E6 von Duderstadt nach Scharzfeld

Dienstag, 29. September 2020: 27 Kilometer

Das Hotel Budapest ist ein richtiger Familienbetrieb: Die ungarische Großmutter macht das Frühstück – und sie will uns mästen! Entgegen unserer Proteste schöpft sie uns nicht eine, nein gleich zwei, Friedel drei Kellen ihres Spezial-Rühreis mit Paprika und Zwiebeln auf den Teller – zum Glück hat sie heute die Chilis vergessen … 🙂

UnserWandermorgen beginnt erneut kalt, aber mit strahlendem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel. Was haben wir doch wieder für ein Glück!

Heute wandern wir von Duderstadt aus direkt auf dem E6 in die Hügel. Von hier aus werden wir im nächsten Urlaub dem E6 weiter bis zur Ostsee folgen.

Auf allen Wiesen und Feldern glitzert der Tau und in den Tälern steht noch der Morgennebel.

Interessanterweise haben Friedel und ich andere Routen des E6 auf der Outdoor-Active-App. Ich habe die Karte von Outdoor-Active, Friedel wandert nach der Open-Street-Map-Karte. Mal stimmt die eine, mal die andere Version. Wir wählen am liebsten die Route, die nicht durch’s nasse Gras führt oder im Gestrüpp endet. Aber leider lässt sich beides nicht ganz vermeiden …

In Breitenberg suchen wir nach einer Bäckerei für einen Kaffee, aber es gibt keine. Sehr einladend sieht wenig später das Forsthaus Hübenthal aus, aber es scheint geschlossen zu sein. Friedel lässt sich aber nicht so leicht abschütteln und geht fragen, während ich schüchtern an der Pforte stehen bleibe. Obwohl der Gasthof eigentlich heute Ruhetag hat, hat der Wirt ein Herz für Wanderer und kocht uns exklusiv einen Kaffee, den wir im sonnigen Biergarten so richtig zu schätzen wissen. Vielen Dank (und Frechheit siegt)!

Weiter gehts durch Feld und Wald zum Quelltopf der Rhume. Wie bei uns auf der Alb kommt das Wasser aus einer unterirdischen Karstquelle nach oben und bildet einen blauen Quelltopf mit kristallklarem, schnell fließendem Wasser. Der See im Wald sieht verwunschen und friedlich aus.

Von nun an geht es kilometerlang im Wald sachte bergauf. Die Sonne hat sich mittlerweile verzogen und es wird wieder kälter, sodass wir für die Anstrengung ganz dankbar sind. Wir hiken uns sozusagen warm!

Unsere Mittagspause findet heute auf einem luxuriösen Picknickplatz im Wald statt. Leider haben wir nicht so viel zu essen dabei und so geht es bald weiter.

Als wir auf dem Rotenberg oben ankommen, haben wir einen phantastischen Blick auf das Harzvorland und die grünbraunen Berge des Harzes. Auch die Sonne zeigt sich wieder, passend für den Marsch über die grasigen Wiesen und abgeernteten Felder auf den Hügeln. Es geht rauf und runter, leider größtenteils auf Asphalt. Wann immer es möglich ist, weichen wir auf den schmalen Grasstreifen neben den Landsträßchen aus. Das Asphalt-Treten geht uns nämlich auf die Hacken!

Am Fuß des Harzes, in Barbis, treffen wir auf eine Bäckerei und gönnen uns Kaffee und zwei riesige Kuchenstücke. Beim Schwatz mit der Bäckereiverkäuferin freuen wir uns darüber, wieder unsere heimatliche Sprechweise zu hören und nicht mehr aufzufallen, wenn man „Ja, ne?“ sagt! Denn eigentlich kommen Friedel und ich ja aus dem nordöstlichen NRW und sind bis heute des Schwäbischen nicht mächtig … 🙂

Das Ende heute ist unschön: Zwei stramme Kilometer an einer vielbefahrenen Landstraße entlang. Der Anmarsch zum Hotel zieht sich ewig hin. Der Lohn dafür ist dann aber ein Zimmer mit – Terrasse! 🙂