Tag 70: Windy Gyle nach Town Yetholm, 25km

Schneeballschlacht am Cheviot und Einmarsch nach Schottland – so long, Pennine Way!

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Der Abschied vom Forest View Walkers Inn fällt uns am Morgen sehr schwer: Das war echt ein supernette Unterkunft und Joyce und Collin sind die besten Gastgeber der Welt! 🙂

Die beiden würden gern in Rente gehen und man merkt es ihnen an, dass ihnen die viele Arbeit mittlerweile schwer fällt. Collin macht die Zimmer und bewirtet die Gäste, Joyce fährt die Wanderer herum und kocht. Beide sind aber weit über 60. Das Problem ist: Sie finden keinen Käufer! Es ist den beiden wichtig, dass nicht irgendein Hotelier den Laden kauft, der potentielle Nachfolger sollte den Betrieb so weiterführen, dass die Versorgung der Hiker weiterhin gesichert ist. Aber es gibt nicht so viele Interessenten, die 30 Kilometer bis zur nächsten Wäscherei und 60 Kilometer bis zum nächsten gastronomischen Großhändler fahren wollen. Im Winter fällt über einen Meter Schnee und sie müssen sich ihren Weg zur Hauptstraße selbst freischaufeln. Uuuff! Also wenn einer von euch interessiert ist, in einer tollen Gegend ein Hiker-B&B zu führen? Wir jedenfalls haben damit geliebäugelt! 🙂

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Wir laufen nicht gern den gleichen Weg zweimal, also wählen wir, nachdem uns Joyce an der gleichen Farm wie gestern abgesetzt hat, einen anderen Weg nach oben. Damit sparen wir zwei Kilometer und müssen 50 Meter weniger nach oben steigen. Trotzdem sind es 250 Höhenmeter gleich am frühen Morgen, und weitere werden folgen!

Wir laufen durch grünes Farmland und durch WALD! Überall springen die jungen Lämmer herum, beäugen uns neugierig, aber springen dann doch linkisch davon.

Es geht gemäßigt bergauf.

Als wir oben am Grat ankommen, weht wieder ein ordentlicher Wind und trocknet unseren Schweiß im Nu. Das Wetter ist mal wieder bombig! Und hurra, wir sind wieder auf dem PW!

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Heute wandern wir den ganzen Tag an der schottisch-englischen Grenze entlang. Unser Weg verläuft auf der englischen Seite, aber hinter dem Zaun liegt Schottland. Erst am Ende unserer heutigem Etappe werden wir über den Zaun steigen und nach Schottland einlaufen.

Aber vorher gilt es noch, das Cheviot-Plateau zu besteigen. Schon gestern haben wir die Schneefelder gesehen, die an den Flanken des Berges leuchteten, allerdings haben wir nicht gedacht, dass es wirklich Schnee ist. Es war ja geradezu heiß. Aber heute stehen wir fast im Schnee!

Hier oben ist es wesentlich kälter als unten, vor allem sehr windig. Der Wind ist heute das Gemeine! 🙂

Die gesamte Bergkette heißt ja ¨Cheviot Hills¨, also entscheiden sich viele Wanderer noch für den Drei-Kilometer-Umweg zum Gipfel. Der liegt aber nur um wenige Meter höher als das Plateau und soll null Aussicht bieten, also lassen wir’s.

Lieber steigen wir ab zur nächsten Schutzhütte, die Mittagspause lockt. Auf der Karte ist wieder eine solche eingezeichnet, von der wir uns Schatten uns Windschutz erhoffen. Als wir dort ankommen, sieht sie fast genauso aus wie die Hütte gestern, aber es gibt umlaufende Bänke und sie ist viel sauberer und einladender.

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img_0878img_0877In der Pause haben wir jedoch das Gefühl, dass es sich noch mal um einige Grad abkühlt, auch im Windschatten der Hütte. Außerdem bezieht sich der Himmel mit dunklen Wolken, die von Schottland her aufziehen. Wir müssen nach dem Cheviot noch einen weiteren Berg besteigen, dass bedeutet einen Abstieg in ein zwischenliegendes Tal und dann wieder den Aufstieg auf ¨The Shill¨. Die ganze Umgebung wirkt ausgesprochen alpin – oder eher wie wir uns Patagonien vorstellen. Kaum zu glauben, dass die Berge nur 700 bis 800 Meter hoch sind.

Als wir den Zaum nach Schottland übersteigen, ist uns fast ein wenig feierlich zumute: Wir sind von Land’s End bis ans andere Ende von England gelaufen, von nun an ist alles schottisch!

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Vermeintlich schottisch ist auch das Wetter – kurz nach der Überquerung der ¨Grenze¨ fängt es an zu regnen. Da uns in unserer kurzen Hosen und T-Shirts mit Windbreakern eh kalt ist, legen wir einen Zahn zu und entscheiden uns für den Abstieg für die Low-Level-Variante des Pennine Ways. Es wird grüner und grüner, aus der Ferne grüßen die Lowlands.

Als wir ca. zwei Stunden später am Border Hotel in Kirk Yetholm ankommen, hat es jedoch schon wieder aufgehört zu regnen. Nass sind wir trotzdem und kalt ist uns auch, also haben wir gar keine Lust, lange zu feiern, dass wir den Pennine Way beendet haben. Schnell schießen wir die obligatorischen Fotos vor dem ¨Border Hotel¨, dem offiziellen Ende des Pennine Ways.

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Da wir aber nicht in diesem Hotel wohnen, sondern im ¨Plough Hotel¨ in Town Yetholm, geht es für uns noch zwei Kilometer weiter und sofort in die Badewanne. Und danach direkt in die Bar! 🙂

Heute war der einsamste Tag der ganzen Tour, wirklich niemand ist uns begegnet. Glücklicherweise gab es viele Slabs, so dass wir relativ gut voran gekommen sind. Wenn es aber nass und matschig gewesen wäre, hätte der heutige Abschnitt viel länger gedauert. It’s all about terrain and weather! 🙂

Wir verlassen die Pennines mit einem lachenden und einem weinenden Auge – Wir lieben die Weite und die Einsamkeit des Moors, aber schätzen auch trockene Füße und hin und wieder etwas mehr Abwechslung! 🙂

Tag 69: Byrness zum Windy Gyle, 23km

Thank God, it’s dry! Gottseidank, das Moor ist trocken! Und Steffi und Friedel fahren mit einem Auto, MIT EINEM GROSSEN AUTO!

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Wir könnten euch heute die gleichen Bilder wie gestern zeigen – Ihr würdet es nicht merken! 🙂

Die Berge auf der heutigen Etappe sind allerdings ein bisschen höher und es war noch einsamer als gestern. Noch dazu das tolle Wetter – Was wollen wir mehr?

Heute sind wir früh losgekommen: Das Forest View Walkers Inn ist voll auf Wanderer eingestellt. Wir bleiben hier zwei Nächte, denn von Byrness bis Kirk Yetholm (dem Endpunkt des Pennine Ways) gibt es keine Unterkunft. Einige toughe Wanderer reißen die 45 Kilometer an einem Stück runter – aber so hart sind wir nicht. Unser Mitgast Phil ist heute Morgen deshalb früh mit leichtem Gepäck und Jogging-Schuhen gestartet, aber etwas mulmig war ihm schon. Deshalb bietet unsere Unterkunft einen besonderen Service – Sie holen uns heute ungefähr in der Mitte des Weges ab und bringen uns morgen wieder zum Pick-Up-Point, einer alten Farm, zurück.

Normalerweise mögen wir solche Shuttles nicht – aber was sollen wir tun?

Tatsächlich freuen wir uns, die phantastische Gastfreundschaft von Joyce und Collin noch einen Tag länger in Anspruch nehmen zu dürfen. 🙂

Gleich am Morgen führt uns der Weg durch Wald steil bergauf. Schnell verlassen wir den Wald und es geht wieder ins Moor – Es ist gelb! 🙂

Der Blick hinunter nach Byrness und zum Forest View lohnt die Mühen.

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Es ist schon ziemlich heiß und der Schweiß rinnt. Oben allerdings weht eine kühle Brise und die eine oder andere Wolke ist uns sehr willkommen.

Hin und wieder führt uns der Weg auch heute wieder über die Slabs, also die Steinplatten, aber wir sind absolut froh, dass es mehrere Tage nicht geregnet hat. Unter nassen Bedingungen muss der Weg höllisch sein – Links und rechts sehen wir dunklen, glibbernden Torfmatsch und hin und wieder den einen oder anderen tief eingesunkenen Fußabdruck. Wie verzweifelt abgekämpft muss ein Mensch sein, dass er einfach durch den tiefsten Matsch patscht?

Unsere Füße hingegen bleiben heute ausnahmsweise mal relativ trocken. Kurz vor dem Lamb Hill gibt es eine kleine Schutzhütte, die wir für unsere Mittagspause anvisiert haben. Zwar ist die Hütte (wie leider oft bei Bothys und ähnlichen Hütten der Fall) ziemlich schmuddelig und vermüllt, aber sie wirft einen SCHATTEN!

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Nach einigen Aufs und Abs und weiten Aussichten erreichen wir endlich Windy Gyle, wo wir für heute den Pennine Way verlassen.

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Der Abstieg ins Coquet-Tal ist ein echter Kniekracher, aber es wird grüner und grüner und wir haben einen tollen Blick in das beschauliche Tal.

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Um Punkt fünf Uhr landen wir am vereinbarten Treffpunkt an einer verlassenen Farm und fünf Minuten später holt uns Joyce mit ihrem Van ab. Die Fahrt durch das Tal ist lang und abenteuerlich – alle Achtung, dass Joyce diese Strecke fast jeden Tag zweimal fährt – für uns Wanderer!

Am Abend erzählen uns die beiden einige interessante Geschichten aus ihrem Leben als B&B-Gasteltern. Collin zeigt uns auch ein Buch, das eine seiner deutschen Gäste über den Pennine Way geschrieben hat. Es ist das tolle Buch unserer Mitbloggerin Stefanie Röfke, ¨Kopflos auf dem Pennine Way¨. Sie hat es mit einer netten Karte versehen und Collin freut sich sichtlich darüber. Wenn er dann eines Tages sein eigenes Buch herausgibt, bekommt Steffi Röfke auch eine Kopie. Das soll ich dir sagen, Steffi! 🙂

Den Abend lassen wir mit einem Ale im Garten ausklingen. Ein weiterer toller Wandertag liegt hinter uns.