Auf dem Albtraufgänger – Etappe 6

Von Bad Ditzenbach nach Wiesensteig: 16 Kilometer
gelaufen am 28. April 2021

Wer denkt sich nur so eine blöde Wegführung aus?
Friedel und ich sind ja bekanntlich Verfechter der logischen und effektiven Wanderung von A nach B.
Liefe man vernünftig am südlichen Albtrauf entlang über Drackenstein nach Wiesensteig, wäre man bereits nach zwölf Kilometern da. Die offizielle Wegführung des Albtraufgängers macht jedoch einen kaum nachvollziehbaren v-förmigen Schlenker auf die andere Seite des „Goißatäle“, hoch auf den Lemberg, führt dort zweieinhalb Kilometer ohne Ziel in den Wald hinein, nur um dann mit einer scharfen Linksbiegung fast den gleichen Weg wieder zurückzuführen. Sowas geht uns ja gehörig gegen den Strich! Ich habe extra ganz groß in in die Outdooractive-Karte hineingezoomt, um da irgendein Ziel zu erkennen, das diesen idiotischen Schlenker rechtfertigt. Nun denn … ich habe mir vorgenommen, jeden Meter dieses Premiumweges zu laufen – Also müssen wir rauf auf den Lemberg!

Wieso heißt das „Goißatäle“ eigentlich so?
In dem knapp zwanzig Kilometer langen Tal der oberen Fils, von der Quelle bei Wiesensteig bis nach Geislingen, sollen früher viele Ziegen, in schwäbischer Mundart „Goißa“, gehalten worden sein. Einige Sprachwissenschaftler gehen heute jedoch davon aus, dass der eigentliche Ursprung des Namens eigentlich von „Tal nach Geislingen“ (Geyslotal) stammt. Wie auch immer – Vor dem Rathaus in Bad Ditzenbach, dem Startpunkt unserer heutigen Wanderung, wurde jedenfalls den Geißen ein Denkmal gesetzt.

Wir wandern zunächst auf dem gleichen Weg wie gestern in Richtung der Hiltenburg, müssen heute jedoch nicht den ganzen Berg hoch. In bequemer Halbhöhenlage geht es auf weichen Waldwegen und grünen Wiesen weiter nach Gosbach.

Ein schöner Morgen – die Sonne scheint, es herrschen angenehme Wandertemperaturen und außer uns ist kein Mensch hier oben unterwegs. Nicht so schön ist jedoch, dass ich mitten im Wald von meinen Kollegen angerufen werde. Wir. Haben. Urlaub!!!!

In Gosbach hoffen wir auf einen Kaffee, aber auf unserem Weg liegt keine Bäckerei. Also überqueren wir zügig die Bundesstraße 466. Uns fällt auf, wie laut es hier ist, im Vergleich zu der Stille des Waldes, aus der wir kommen. Durch eine der für das Täle typischen Wachholderwiesen steigen wir japsend auf einem seeeehr steilen Weg hoch zur Kreuzkapelle, die hoch über Gosbach thront. Der Weg geht ordentlich in die Waden. Uns beruhigt, dass auch die zwei stylischen Jogger, die uns auf dem steinigen Weg überholen, vom Laufschritt in einen gemesseneres Gehtempo überwechseln. So unfit fühlen wir uns dann doch nicht!

Oben an der Kreuzkapelle angekommen, bezieht sich der Himmel und ein fieser Wind kommt auf. Wir legen eine kleine Teepause ein, etwas geschützt an der Rückseite der Kapelle. Zwar haben wir von hier aus keine so weite Aussicht, aber wir meinen, dass sich der Weitblick an dieser Stelle sowieso nicht besonders lohnt: Zwar liegt Mühlhausen hübsch eingebettet in das Tal der oberen Fils, aber rundherum tost die A8 und im Hintergrund staken die Träger der neuen Bahnbrücke des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm in den Himmel. Das arme Mühlhausen, bereits zerschnitten von B466, der A8 und einer fetten Autobahnauffahrt, bekommt jetzt auch noch eine monströse Brücke dazu!

Hier an der Kapelle befinden wir uns bereits auf dem Lemberg und nun folgt der merkwürdige, vier Kilometer lange Schlenker durch den Wald. Während am Albtrauf bei der Kreuzkapelle das Getöse von der Autobahn deutlich zu hören ist, nimmt der Lärm mit jedem Schritt in den Wald hinein weiter ab. Wohltuende Stille umgibt uns – Und das ist es wohl, was sich die „Macher“ des Albtraufwegs bei dem Schlenker gedacht haben: Gönnen wir dem Wanderer doch einfach mal wieder ein Stück echte Waldesruhe!

Tatsächlich ist das hier das ruhigste und abgelegenste Stück Weg, das wir bisher auf dem „Albtraufgänger“ gelaufen sind. So schön es auch ist, oben an der Traufkante zu spazieren und die weiten Ausblicke ins Tal zu genießen – Das Goißstäle ist dicht besiedelt und von fast überall dringt Bau- und Verkehrslärm bis hinauf zum Albtrauf. Hier auf dem Lemberg aber ist es vollkommen still!

An der Kehre des langen Schlenkers gibt es tatsächlich nichts zu sehen, was den Umweg rechtfertigen würde. Egal – die Vögel zwitschern und der Waldboden um uns herum ist sattgrün und übersäht mit Buschwindröschen. Von nun an geht es wieder bergab und schon bald befinden wir uns in einem lieblichen Tal voller Butterblumen und den typischen Heuhütten in dieser Gegend – hübsch!

Leider wird das schöne Tal am Ende durch die Autobahn begrenzt, unter der wir hier hindurch müssen. Zum Glück lassen wir die Trasse schnell hinter uns und beim Aufstieg auf den nächsten Berg nehmen wir uns vor, oben endlich unsere Mittagspause einzunehmen. Tatsächlich finden wir dort eine Bank mit breiter Aussicht auf die Autobahn. Aber gerade als wir unsere Pausenbrote auspacken, beginnt es zu regnen … zu schütten … zu hageln!

Wir ziehen unsere Kapuzen tief ins Gesicht, beugen uns vor und mampfen fluchend unsere Brote. Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass es gerade jetzt so hageln muss!

Für die Kekse und den Tee haben wir nicht mehr die Muße. Friedel schlägt vor, dass wir schnell weiterlaufen und uns im Wald unterstellen. Nur – unter was? Die Bäume sind noch gänzlich unbelaubt!

Regenhosen haben wir keine dabei und nach kurzer Zeit kleben unsere Jeans pitschnass an den Beinen. Mit solch einem Guss haben wir nicht gerechnet. Zum Glück ist der Spuk nach zwanzig Minuten wieder vorbei und die Sonne lässt sich sogar wieder blicken. So müssen wir wenigstens nicht frieren.

Heute ist der Tag der „Kreuzkapellen“. Oberhalb von Wiesensteig befindet sich eine weitere Kapelle, die den gleichen Namen trägt wie die Kapelle über Gosbach. Hier breiten wir unsere nassen Jacken und Rucksäcke zum Trocken aus und genießen einen besonderen Ausblick auf die Autobahnbrücke nach vorn und die Baustelle der neuen Bahnbrücke nach links.

Wiesensteig hat im Vergleich zu Mühlhausen echtes Glück. Auch hier führt dicht am Ort eine Spur der A8 vorbei, aber so hoch am Berg, dass man im Talort kaum etwas davon hört. Hier oben am Hang ist das Tosen jedoch deutlich zu hören.

Es ist schon schlimm, wie sehr in Deutschland der Autoverkehr die Landschaft dominiert und wir bekräftigen hier und jetzt erneut unseren Entschluss, uns auch in der Zukunft kein Auto anzuschaffen. Allerdings müssen wir einräumen, dass auch wir saisonunabhängig Obst und Gemüse kaufen und auch sonst dem Konsum nicht abgeneigt sind. Irgendwie muss der ganze Kram ja transportiert werden und wir sehen, wie sich auf der Autobahn vor uns LKW an LKW reiht. So ganz unschuldig an dem Straßenverkehr sind wir leider auch nicht … 😦

Extrem steil ist der Abstieg nach Wiesensteig, wieder an zahlreichen Bildstöcken entlang. Auch in Wiesensteig halten wir uns brav an die Wegführung des Albtraufgängers und ziehen am Schloss vorbei, durch die Gassen der Altstadt und schnurstracks in eine Bäckerei. Mit Kaffee und einem „süßen Stückle“ auf der Hand machen wir es uns auf einer Bank am Schloss gemütlich – soweit mit nassen Hosen möglich – und überbrücken so die Wartezeit, bis unser Bus kommt.

Morgen geht’s an die nächste Etappe von Wiesensteig nach Bad Boll. Schön ist das Wandern auch vor der eigenen Haustür. Coronakonform spielen wir Touristen im eigenen Ländle!

https://www.outdooractive.com/de/route/wanderung/schwaebische-alb/albtraufgaenger-etappe-6-trauf-idylle/12002635/#dm=1

8 Antworten auf “Auf dem Albtraufgänger – Etappe 6”

  1. Mit unsinnigen Schleifen, die ohne Sinn einfach nur „da“ sind, habe ich ja in Luxemburg auch gehadert. Wenn es wenigstens einen Grund dafür gäbe! Sei es einen Aussicht, ein Rastplatz oder was zum angucken….
    Aus Prinzip gehe ich diese Umwege ja auch. Trotzdem motze ich immer wieder darüber 😅

    Euer Weg schaut aber trotz Extrakilometern richtig schön aus!

    Frisch auf, viele Grüße
    Stefan

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  2. Vermutlich gibt es eine Regel, dass solche Edelwege alle paar Kilometer eine Abwechslung bieten müssen. Da baut man dann halt ein paar Schlenker ein! 😁Danke für die guten Wünsche!

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  3. Ist auch ne schöne Gegend! 👍
    Ich hatte auf meiner gestrigen Wanderung plötzlich ein Schild (zum Jurasteig gehörig) mit der Aufschrift: Landschaftskino 200 m … Erst wäre ich fast abgebogen, hab mich dann aber dagegen entschieden, weil ich schon die ganze Zeit durch tolle Landschaft gewandert war und streng genommen auch nicht den Jurasteig, sondern dem Burgensteig mit dem kleinen Ritter folgte… Heute frag ich mich ob ich nicht doch was verpasst hab? 😉

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  4. Ja, das hab ich mir auch schon gedacht – und er wäre so nah, dass man sogar Freunde und Familie für den Fahrdienst einspannen könnte , solange man nicht übernachten kann. Also ohne Corona-Test übernachten kann. Auf ner Mehrtageswanderung dürfte das Testen schwierig zu organisieren sein?! 🤔

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  5. Kam mir grad vorhin während des Schreibens der Gedanke… Ja, das wird schon. Ich bin zuversichtlich, dass spätestens nächstes Jahr das Reisen wieder klappt. Irland hebt auch grad die 5 mi Beschränkung auf und GB liegt ja impftechnisch gesehen gut weit vorne… 👍

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