Purismus beim Wandern oder: Wann gilt ein Weg als komplett gelaufen?

Neulich auf dem Southwest Coast Path:2015-10-06-09-47-42handyElendes Sch…wetter! Eine Zumutung!!

Und darf man sowas auslassen? (Pennine Way kurz nach dem Tan Hill Inn)pen1_ - 480

Muss man jeden blöden Abschnitt eines Weges laufen, nur weil sich der Erfinder des Weges den Verlauf so ausgedacht hat? Oder darf man da kreativ ein bisschen „schummeln“?
Wenn man Blogs oder Bücher über das Wandern liest, stellt sich immer die Frage, ob die erfolgreiche Wanderung eines bestimmten Wanderwegs für einen selbst oder andere „gilt“ oder nicht. Kann sich Cheryl Strayed auf dem PCT eine „Thru-Hikerin“ nennen? Hat Bill Bryson nicht „beschissen“, wenn er nur bestimmte Abschnitte des Appalachian Trails gelaufen ist?

Jeder Weg hat bestimmte Widrigkeiten, die einem die komplette Wanderung eines Trails erschweren. Hier geht es kilometerlang über fiesen Teer, dort ist die Passage besonders sumpfig, verschneit, überflutet oder schlichtweg langweilig. Oder es regnet noch immer und man hat einfach nicht die Nerven für einen neuen, nassen Wandertag. Kann und darf man bestimmte Passagen eines Fernwanderwegs also einfach „skippen“?

Friedel und ich standen auf der bisherigen Wanderung unseres LECW schon einige Male vor der Entscheidung, ob wir einen langweiligen/lauten/hässlichen Abschnitt wirklich „ablaufen“ oder uns das lieber ersparen sollten. Ist es zum Beispiel in Ordnung, auf dem SWCP eine FÄHRE zu nehmen, oder muss man das Estuary umlaufen?
Wir persönlich finden die Fähre okay, solange sie nicht von Padstow bis nach Ullapool geht.  🙂

Am Anfang unseres Weges waren wir noch nicht solche Puristen: Auf dem SWCP haben wir uns die unattraktive Passage an der Straße entlang von St Ives nach Hayle (rund acht Kilometer) erspart. Wir hatten auch keine Lust, den kompletten Weg durch Bristol bis nach Severn Beach zu laufen (16 Kilometer), einfach weil auch dieser uns größtenteils in der Nähe unattraktiver Straßen und durch Industriegebiete geführt hätte. Heute jedoch ärgere ich mich, dass wir diese Passagen so leichtfertig übersprungen haben. Irgendwann müssen wir sie nachholen!!

Zweimal standen wir zudem vor der Situation, dass wir aufgrund einer Verletzung Wegabschnitte überspringen mussten. Von Skipton nach Malham wollten wir statt des Pennine Ways den Dales High Way nehmen, aber ich hatte mir den Fuß verstaucht. So sind wir die Tagesetappe von Skipton nach Malham (20 Kilometer) mit dem Bus gefahren. Noch schlimmer war es zwischen Rugeley und Ashbourne auf dem Staffordshire Way: Friedel hatte ein Knieproblem und wir mussten zwei komplette Tage mit dem Bus überspringen. Diese Passagen werden wir tatsächlich im April 2018 nachholen, auch wenn ihr uns für bescheuert haltet!

Ihr fragt euch vielleicht, wen so ein formeller Kram interessiert? Den Friedel tatsächlich nicht so sehr, aber neben meiner Wenigkeit gibt es noch einige andere, die auch solche Puristen sind!
Also möchte ich (in Anlehnung an Andrew Bowden, den „Rambling Man“) einige für mich persönliche Regeln für den erfolgreichen Abschluss eines Wanderwegs formulieren. Ich möchte wirklich niemandem vorschreiben, wie er zu laufen hat, aber für mich persönlich kann ich sagen, dass ich einen Weg gelaufen bin, wenn …

  • ich keine Passagen übersprungen habe, weil ich einfach keine Lust hatte, sie zu laufen oder weil das Wetter schlecht war.
  • ich zwar nicht jeden Meter des offiziellen Weges gelaufen bin, aber trotzdem alternativ einen andere Route genommen habe, z.B. um zu einer Unterkunft zu kommen.
  • ich einen anderen Weg nehmen musste, weil ich mich verlaufen habe. Ich muss also hier nicht wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren, sondern mein „Umweg“ gilt als mein persönlicher Weg.
  • ein anderer Wegabschnitt als der offizielle attraktiver und schöner ist.
  • ich wegen Schlechtwetter oder Unpassierbarkeit eine Umleitung nehmen musste.
  • ich wegen einer Verletzung oder Krankheit ein kurzes Wegstück überspringen musste (wie viel Kilometer das sein dürfen, ist eine persönliche Interpretationsfrage. Zwei Tage sind für mich aber absolut zu viel, also müssen wir diese Passage nachholen. Tut mir leid, Friedel!)

Wer sich für den Artikel von Andrew Bowden interessiert, hier ist der Link.

Was meint ihr, liebe Wanderfreunde? Stelle ich mich total an oder habt ihr ähnliche Anforderungen an euch selbst?

Aus der Winterpause grüßt euch
Steffi

sose_ - 94(„Pflastertreten“ auf dem Macmillan Way Southwest bei Sutton Mallet)

8 Antworten auf “Purismus beim Wandern oder: Wann gilt ein Weg als komplett gelaufen?”

  1. Ich glaube deine Regeln sind schon in Ordnung. Manchmal muss man vielleicht einen Umweg gehen oder ähnliches. Letztendlich muss es jeder für sich wissen ab wann er für sich DEN Weg als gewandert gilt. Für mich ist es ein „Thruhike“, wenn er quasi am Stück (inklusive Pausentage) gewandert wurde. Wenn man aber jährlich ein Teilstück geht ist das vielleicht nicht unbedingt ein Thruhike, obwohl man letzendlich den gesamten Weg gegangen ist.
    Aber ehrlich, eigentlich ist es doch egal…. 😉

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  2. Hallo Markus,
    danke für deinen Beitrag!
    Du hast Recht, eigentlich ist es egal …. das merke ich immer wieder, wenn ich mich mit „Nicht-Streckenwanderern“ unterhalte. Die zeigen mir glatt einen Vogel, wenn ich sage, dass ich so eine spezielle saulangweilige, flache und matschige Passage in Mittelengland nachholen will! 🙂
    Ich habe allerdings angefangen in deinem Buch zu lesen und habe auch den Eindruck, dass es dir wichtig war, deine Leser nicht zu „enttäuschen“. Deshalb hast auch du tapfer durchgehalten und hast dich durch Regen, Geröllfelder und Schnee gekämpft und bist nicht mit dem Bus gefahren. Hut ab davor! In dem Sinne: Hike on! 🙂
    Viele Grüße von Steffi

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  3. Schön, euch zu lesen! Meine Einstellung kennt ihr, ich bin Preuße durch und durch 🙂 Natürlich geht Sicherheit vor und das kann Umwege und Abbrüche bedeuten, aber dann wird nachgeholt und ja, selbst kleine Lücken „stressen“ mich 😉 Dabei ist mir völlig wurscht, was andere davon halten oder was die erwarten/akzeptieren… es geht nur um mein Gefühl von „komplett geschafft“ und wenn mich das glücklich macht – dann sorge ich dafür, glücklich zu sein 😀
    Umgekehrt würde ich nie jemandem, der anders entscheidet sagen, er wäre ja gar ncht alles gelaufen… freue mich für und mit jedem, der es schafft, das so zu genießen wie er möchte. Mönsch, klinge ich heute weise 😎

    Ach ja… das Stück von St Ives bis zu Birdie’s Bistro liebe ich – die Ausblcke sind wirklich wunderschön – darauf könntet ihr euch also sogar freuen 😉 und dann das kleine Stück nach Hayle rein geht total schnell und ich finde diese Salzmarsch mit den vielen Vögeln auch ganz interessant. Liebe Grüße!

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  4. Da bist du ja wieder! Schön von dir zu hören .. äh … lesen!
    In der Tat habe ich beim Verfassen des Artikels auch an dich und deine Ansprüche an dich selbst gedacht .. 🙂
    Ich als gebürtige (Ost)westfälin kann da auch ziemlich stur sein, wenn auch nicht ganz so preußisch wie du. Danke für deine Ermunterung bezüglich der Strecke von St Ives nach Hayle. Das Nachwandern wird auch kein Problem sein, weil wir ja eh auf den SWCP zurück wollen. Mit Bristol wird es da schon ein wenig unangenehmer! 🙂
    Liebe Grüße in den Norden und bis bald mal wieder!
    Steffi

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  5. So, jetzt auch endlich ich 😀
    Dass du aus Ostwestfalen stammst, Steffi, war mir nicht mehr bewusst…
    Meine preußischen Tugenden schwanken immer mal wieder. Früher habe ich zB kleine ausgefallene Stücke wg Umwegen zur Unterkunft nicht nachgeholt. 2017 musste das dann aber doch sein.
    Beim 1. Mal habe ich mir Charlestown – Par geschenkt weil es so hässlich sein soll (und Urlaub soll schließlich schön sein!). 2017 bin ich dann bis Par station gelaufen und habe es bitter bereut weil ich mich echt nur geekelt habe!!! Brrrr wie hässlich und DRECKIG! Jetzt fehlt mir noch 1 km zwischen Par und Polmear und den werde ich sicherlich nie geplant nachholen!!!!!!!
    Vielleicht ist meine (momentane) Einstellung so zu beschreiben:
    Wenn wg Unwetter ein kleines Stück ausfallen muss, gehört das zum Weg dazu und kann auch so bleiben.
    Wenn das Stück sehr schön ist, hole ich es trotzdem irgendwann nach (falls sich das mit dem Aufwand vereinbaren lässt).
    Ein Stück an der Straße entlang (wie zB auch Penzance bis Marazion, teilweise wg dichtem Nebel im Bus umgangen, nachdem schon der Teil von Mousehole bis Penzance an der Straße ohne St Michael’s Mount sehen zu können sehr nervig war) muss nicht nachgeholt werden.

    Letztlich fehlen am Ende sowieso keine km wenn man immer mal zur Unterkunft laufen muss oder von der Unterkunft zum Laden oder Pub.
    Wenn ich 250 km plane und nur 200 laufe, fühle ich mich schlecht. Wenn es trotzdem 250 oder mehr werden (wie auch immer) ist das für mich ok.

    Jedem das Seine. Jeder muss was anderes im Leben lernen. Und ich eben, dass ich nicht versagt habe, wenn mal was anders läuft als geplant 😉😇

    Liebe Grüße!

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  6. Hallo Katrin,
    ja doch, ich bin erst seit 12 Jahren hier im Schwabenland und wegen Friedel hergezogen. Obwohl der auch ein „Reingeschmeckter“ ist.
    Was bist denn du für eine Mischung? 🙂
    Deine beschriebene Einstellung finde ich sehr gut. Ein wichtiger Aspekt ist die Kilometerzahl, die man am Ende gelaufen ist. Dann hat man sich nicht „gedrückt“ und sein Pensum trotzdem erfüllt. Wichtig ist auch die „Schönheit“ eins Weges. Und hässliche Strecken durch andere, zusätzliche Kilometer auszugleichen ist gut!
    Allerdings sind 40 ausgefallene Kilometer in Shropshire echt zu viel. Die müssen nachgeholt werden, kostet es was es wolle!!!
    Wegen eines nicht gewanderten, hässlichen Kilometers würde ich mir keine Sorgen machen! 🙂 🙂

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  7. Ich kann hier beim Lesen nur schmunzeln, weil ich alles Geschriebene bei mir zwar auch kenne, aber letztlich vor Ort weder verbissen noch pingelig bin. Da werden dann manchmal bis zu 6 kmeiner Etappe weggelassen. Nur beim Rheinsteig trieb mich irgendwas, diese Lücken noch füllen zu wollen. Aber bei anderen Weitwanderwegen in Deutschland bin ich nicht so streng, da ich bisher alle nur in max 4 folgenden Tagesetappen gewandert bin und mich dann im Urlaub auch mal treiben lassen möchte. Wer sagt, dass ich was Bestimmtes tun muss? Wenn, dann nur ich selbst oder mein innerer Schweinehund.
    Wenn ich nicht sowieso in die Gegend mit den ausgelassenen Km zurückkomme, fahre ich nicht extra nochmal hin. Dafür stehen noch zu viele Ziele auf meiner Wunschliste, die ich entdecken möchte.
    Aber mal was anderes: was sagt ihr zum Thema Wanderrichtung? Gibt es für einen Fernwanderweg (außer Pilgerweg) eine richtige und eine weniger richtige Wanderrichtung?.

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  8. Vielen Dank für deinen Beitrag! Was die Wanderrichtung angeht: Kommt drauf an! Eigentlich ist es egal, aber bei manchen stark frequentierten Wegen ist es nervig, 1000 mal „hello“ zu sagen .. 🙂

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