Tag 60: Bowes nach Middleton-in-Teesdale

Heute ist Samstag. Das bedeutet in Yorkshire im Oktober: Jagdsaison!

Beim Frühstück sind wir zunächst noch die einzigen Gäste, aber dann geht die Tür auf und eine Gruppe zünftiger Yorkshiremen in Jägeroutfit tritt herein. Draußen in ihren Autos hört man die Hunde bellen. Die Männer sind sehr interessiert an uns ausländischen Gästen und versuchen sogleich uns auszufragen. Aber wir verstehen wenig bis gar nichts, so dass das Gespräch eher schwierig verläuft.

Trotzdem mögen sie uns scheinbar und möchten uns nach dem Frühstück noch stolz ihre Jagdbeute zeigen. In einem der Geländewagen liegen die armen Viecher platt und blutig aufgereiht: Diverse Moorhühner, Kaninchen, anderes Kleingetier. Würg!!

Wie machen, dass wir wegkommen. Heute ist Samstag, aber außer einem anderen PW-Wanderer, der scheinbar in die Gegenrichtung läuft, ist niemand auf der Straße. Wozu auch – außer einem Postladen gibt es hier nichts!

Zunächst laufen wir noch einmal durch den ganzen Ort, um dann am Ortsende eine fette Autobahn zu überqueren. Unsere Ordnance Survey-Karte weist sie als eine alte römische Straße aus – na, davon ist aber nicht mehr viel zu sehen!

Nach der Autobahn geht es ein relativ langes Stück asphaltierte Straße den Tute Hill hinauf. Links und rechts erstrecken sich Wiesen mit Schafen, die Sonne scheint, ein sanfter Wind weht – insgesamt also ein schöner Morgen. Links und rechts abgezäunt und mit rot beschrifteten Warnschildern gespickt – hmm, Militärgebiet.

Wir und die Macher des PW mögen jedoch die Asphalt-Treterei nicht. Also haben sich die PW-Macher in einer längeren Kurve der Straße gedacht „Hey, warum kürzen wir hier die Wegführung nicht ab und führen die Wanderer nun über diese matschige, zugeschissene Wiese, statt sie trockenen Fußes über die Straße trotten zu lassen? Wir haben sie schon viel zu lange verwöhnt! Dies ist doch kein Samstagsspaziergang!“

Blöd wie wir sind, folgen wir natürlich den Wegweisern und verfransen uns auf der blöden Wiese total. Da ist auch keinerlei Weg zu erkennen, was wohl auch damit zu erkären wäre, dass nur wir allein den Weg über die Wiese nehmen. Am Ende brauchen wir viel länger, als wenn wir über die Straße gelaufen wären, aber dafür mussten wir wenigstens nicht auf Asphalt laufen!

Die Straße endet kurz vor einem einsamen Gehöft im Deepdale, das sich mit seinem Reetdach perfekt in die Landschaft einfügt. Wir fangen das Träumen an: Wie wäre es, so ein hübsches kleines Häuserensemble zu besitzen? Wer wohnt da wohl?

Einsamer kann man es kaum haben. Nach dem Deepdale wandern wir leicht bergauf durch eins der reizärmsten Abschnitte des Pennine Ways überhaupt. Wir sehen: Braunes Gras, braunes Gras, braunes Gras. Kein Baum, kein Stein, kein Fels, nur Braun. Da die Sonne aber scheint und es auch bald wieder bergab geht und damit in grünere Gefilde, setzen wir uns sogar auf einen Stein an der einzigen Felskante weit und breit, dem Goldsborough.

Ein Grund, hier seine Pause zu machen ist, dass wir es im Tal schon wieder Ballern hören. Samstag ist Jagdtag!

In der Tat treffen wir am Blackton Reservoir auf den ersten Jäger, der dann durch Rufe die anderen warnt, dass wir zwei jetzt da durch gehen und die Jagd stören. Das macht wirklich Freude zu wissen, dass hinter jedem Felsen ein Mensch mit scharfen Waffen steht und drauf wartet, dass du endlich verschwindest!

Unten am Reservoir treffen wir auch wieder auf die Hauptroute des Pennine Way. Auf dem Weg zur Straße laufen wir durch ein merkwürdiges Landschaftsschutzgebiet – Hannah’s Meadows – auf dem besagte Hannah fünfzig Jahre lang die Wiesen ohne Pestzide und Kunstdünger bewirtschaftet hat. Deshalb sollen hier einige besondere Orchideen blühen. Im Moment ist davon aber nichts zu sehen, die Wiesen sehen aus wie alle anderen auch. Also lassen wir enttäuscht das Visitor-Center rechts liegen. Es gibt kein Café!

Wir überqueren eine wenig befahrene Straße und rauf geht’s auf die nächste matschige Wiese. Hügel rauf, Hügel runter. Hügel rauf. Hügel runter.

Abwechslung bietet dann mal das Lunedale Reservoir, denn hier gibt es einen richtigen Campingtisch. Gestört wird unsere Ruhe jedoch durch eine Frau, die panisch rufend über die Wiese läuft und ihren Hund sucht. Später wird sie sogar einen Bauern der umliegenden Höfe erweichen, mit ihr auf dem Quad über die Wiesen zu sausen. Nervig!

Nach unsere Mittagspause auf der Picknickbank: Matschige Wiese rauf, matschige Wiese runter. Insgesamt ist das heute wirklich nicht unser Lieblingstag. Einmal an einem Bauernhof werden wir von einem schaukelnden Kind aufgefordert, doch eine Cola zu kaufen. ???? Wir laufen weiter und sehen, dass die Familie einen kleinen „Laden“ am Weg aufgebaut hat. Zur Auswahl stehen Kekse, Flapjacks, Getränke … Wir shoppen zwei Flapjacks und vertilgen sie im Laufen.

Kurz vor Middleton wird es nochmal hübsch, als wir noch mal über ein „richtiges“ Stück Moor laufen können. Leider beginnt es zu regnen, aber nicht zu arg.

In Middleton angekommen ist es noch recht früh. Wir kehren auf der High Street in ein Café ein, auch um zu trocknen. Heute schlafen wir nämlich in einen B&B, da wollen wir nicht allzu abgehangen ankommen!

Warum haben wir uns überhaupt dort angemeldet? Wie immer ist bei uns ein B&B nur die zweite Wahl: Zwar gibt es im Ort zwei Hotels, aber beide waren schon ausgebucht. So haben wir uns zähneknirschend für das B&B entschieden und bereuen es schon jetzt: Bestimmt gibt es da wieder übertrieben höfliche Konversation und es ist wieder plüschig hoch zehn!

Als wir im „The Hill B&B“ ankommen, klingeln wir an der Tür, aber keiner kommt. Wir warten drei Minuten, aber nichts passsiert. Wir probieren, die Tür zu öffnen – simsalabim, sie geht auf! Wir stehen im Flur und rufen: „Helloh? Helloh?“ Es vergehen weitere fünf Minuten, aber es gibt keine Antwort. Friedel will schon gehen, ihm reicht’s. Scheiß B&Bs, da will er eh nicht bleiben, was bilden sie sich ein *grmbl grmbl*

„Oh hello!“ flötet es plötzlich von hinten aus dem Flur. Lorraine war nur mit dem Hund kurz Gassi. Alles löst sich in Wohlgefallen auf. Natürlich wartet sie nicht stundenlang, bis wir kommen. Sie geht halt mit dem Hund nach draußen. So what’s the problem? Das Problem ist eigentlich allein unsere Unsicherheit und Ungeduld …

Unser Zimmer ist nett und warm, aber wie immer für unsere Begriffe zu viel Dekor, zu viele Herzchen und zu wenig Platz. Da wir die einzigen Gäste sind, erlaubt Lorraine uns, unsere Sachen in einem nebenliegenden Einzelzimmer zu trocken. Aber das machen wir natürlich nicht ..

Nein, das B&B ist schon in Ordnung. Wir gehen am Abend im Ort essen und früh schlafen. Die Nacht ist ruhig und der Schlaf ist tief, also da gibt es gaar nix zu meckern. Trotzdem haben wir in B&B’s immer das Gefühl, dass wir in jemandes Privatleben einbrechen …

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