Tag 58: Hawes nach Keld

Am Abend haben wir gezittert. Was, wenn es heute auch wieder so diesig ist, so regnet und weht? Schließlich wartet heute die erste echte PW-Herausforderung auf uns: GREAT SHUNNER FELL!

Dieser Berg ist nur 716 Meter hoch. Lächerlich im Vergleich zu deutschen Höhenverhältnissen. Aber hier in den Pennines führt die Höhe dazu, dass auf dem Fell eine Steinwüste herrscht und der Gipfel die Hälfte des Jahre in Sturm und Nebel liegt. Zum Vergleich: Der Feldberg im Schwarzwald ist mehr als doppelt so hoch, aber auf dem Shunner Fell können alpine Verhältnisse herrschen!

Heute zum Glück vermutlich nicht. Der Morgen erwartet uns mit Sonnenschein und einem guten Wetterbericht. Praise the Lord! Wir hätten für heute sogar eine Exit-Stratgie oder Alternativ-Route in petto: Den Buttertub Pass. In 16 asphaltreichen Kilometern würde uns dieser ebenfalls nach Keld führen.Im Vergleich zu unseren 20 Kilometern heute wäre der Pass sogar eine Abkürzung, aber halt über Teer.

Nein, so wie das Wetter heute aussieht, wollen wir den PW im Original laufen. Und es wird ein wundervoller Tag!

Beim Abnmarsch regnet es dann doch wieder, aber immerhin kann man etwas sehen. Auch die umliegenden Berge haben freie Gipfel, wir gehen also den Great Shunner Fell an.

Der Weg führt bis nach Hardraw über matschige Wiesen, aber wir haben uns gleich unsere wasserdichten Socken angezogen. Auch wurden an verschiedenen Stellen Steinplatten verlegt, die aber häufig unter Wasser stehen. So gibt es zwar nasse Schuhe, aber sauber-nasse.

In Hardraw überlegen wir, ob wir den Umweg zum Wasserfall gehen sollen. Da es aber gerade ordentlich pladdert, haben wir nicht so viel Lust dazu.

Zu Glück wird der Regen schwächer und es gibt einzelne Sonnenlöcher, als wir uns an den Aufstieg zum Little Fell machen. Die umliegenden Berge sind abwechselnd in Regenwolken oder in Sonne getaucht, oft auch beides gleichzeitig. Bei so einem Wetter entstehen oft die besten Fotos!

Je höher wir heute steigen, desto windiger wird es. Wir schmeißen uns gegen den Wind und steigen tapfer nach oben. Warum regnet es eigentlich immer da, wo wir gerade sind? Um uns herum ist doch überall Sonne!

Trotz des Regens haben wir heute aber tolle Aussichten. Die Berge glitzern in der Nässe, mehrere Male gibt es tolle Regenbögen.

Nach einem seeeehr langen Anmarsch von sechs Kilometern erreichen wir endlich den Gipfel. Pünktlich hört es auf zu regnen, so dass wir tatsächlich eine gemütliche Mittagspause im Windschatten der Steinmauer auf dem Fell machen können.

Der Abstieg geht langsam und einsam durch die unendliche braune Moorlandschaft, weit im Hintergrund leuchtet grün das Swaledale. Wir freuen uns, dass es nicht mehr regnet!

Auf das Swaledale freuen wir uns besonders. Vor zwei Jahren sind wir den Coast to Coast Walk gelaufen und schon einmal durch das Swaledale gekommen. Damals haben wir uns vorgenommen, noch einmal durch dieses schöne Tal zu laufen, dann aber auf dem Pennine Way. Und heute sind wir hier!

Bergab geht es schneller als bergauf, so dass wir gegen 14:30 Uhr Thwaite erreichen. Hier genehmigen wir uns natürlich einen Kaffee auf der Terrasse eines süßen Cafés. Wir haben total nasse Füße und wollen drinnen nicht alles schmutzig machen, deshalb bleiben wir draußen. Mehrmals werden wir aufgefordert, doch hereinzukommen, aber wir bleiben stur.

Auf dem Weg nach Thwaite verlaufen wir uns prompt. Wir steigen nicht den Hügel hinauf, sondern bleiben im Tal und landen in Muker. Deshalb laufen wir nicht den PW am Berg nach Keld, sondern weiter unten durch das Tal, am Swale entlang. Da es auch wieder arg zu regnen beginnt, haben wir ein Dejá-Vu: Vor zwei Jahren sind wir hier auch durchgepatscht, aber in die andere Richtung, von Keld nach Muker. Das Tal hat uns aber schon damals ausnehmend gut gefallen, so dass wir den kleinen Umweg gar nicht bereuen. Oben angekommen lassen wir Kisdon Force rechts liegen, wir können den Wasserfall noch morgen besichtigen, da werden wir direkt daran vorbei laufen.

Wir sind supernass und freuen uns schon auf unseren Abend in der Keld Lodge. In jedem unserer Urlaube wählen wir am Ende die beste Unterkunft – auf dem Coast to Coast Walk hat dabei die Keld Lodge haushoch gewonnen. Selbstredend, dass wir wieder dort absteigen.

Die Lodge ist für uns einer der coolsten Orte, den wir bis in GB erlebt haben. Am oberen Ende vom kleinen Ort Keld gelegen, übersieht man von hier aus das ganze obere Swaledale. Große bodentiefe Fenster in der Lounge und im Restaurantbereich bieten eine tolle Aussicht beim Abendessen und Frühstück. Das Essen ist exzellent und die Mitarbeiter jung und unkompliziert. Noch dazu ist die Lodge ausgesprochen gemütlich, nicht zu groß und wanderfreundlich. Wenn man so wie wir total nass und kaputt dort ankommt, kann man sofort seine Sachen in den Trockenraum hängen, und im Nullkommanichts sind sie wieder trocken.

Und erst der Sternenhimmel! Wir lieben die Lodge!

Im Nachhinein haben wir uns gefragt, warum wir die Lodge so mögen: Es ist diese Mischung von Verwöhnt-Werden, aber auch Anerkannt-Werden, vielleicht gerade weil man ein schmutziger, nasser Wanderer ist. Dazu kommt dieser besondere Ort. Oh müder Wanderer, gönne dir die Keld-Lodge. Du wirst es nicht bereuen!

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