Tag 30: Severn Beach nach Tintern

Am Morgen verlassen wir ohne Frühstück das Hotel in Bristol und frühstücken im Bahnhof Temple Meads. Wir haben die heutige Tour so geplant, dass wir uns den langen Weg durch Bristol sparen und mit dem Zug bis Severn Beach fahren. Zwar hätten wir auch den Severn Way am River Avon entlang laufen können, doch erschien uns der Weg nicht besonders attraktiv. 22 Kilometer entlang hässlicher Industriebauten und Schnellstraßen, eine ganze Tagestour, dafür ist uns unser kostbarer Urlaub zu schade. Sollte jemand den Weg von Bristol City nach Severn Beach komplett laufen wollen: In Severn Beach könnte man nach der Tagestour einen Zug zurück nach Bristol nehmen und am nächsten Morgen von Severn Beach aus die nächste Tagestour starten. Zum Zeitpunkt unserer Tour gab es dort keine Übernachtungsmöglichkeit.

Wir fahren in Bristol Temple Meads um Viertel nach neun los. Gern wären wir schon früher gestartet, aber der Zug fährt nur alle zwei Stunden. Obwohl es zu Fuß nur 22 Kilometer wären, dauert die Fahrt planmäßig fast 40 Minuten.

Severn Beach ist ein reizloses Schlafdorf im Einzugsbereich von Bristol. Unsere Hoffnung auf einen Kaffee zerschlägt sich, denn Shirley’s Café hat nicht geöffnet. Leider fängt es auch an zu regnen und es wird den ganzen Tag nicht mehr aufhören …

Zunächst laufen wir durch den Ort zum „Strand“, in diesem Fall zum Ufer des riesigen Severn Estuary. Unser Plan für heute ist, am Estuary entlang zu laufen, bis wir nach Aust und zum „Second Severn Crossing“ gelangen, einer großen Brücke über den Severn, die uns nach Wales bringen wird. Die Brücke in Wales liegt ganz in der Nähe von Chepstow, das der Beginn des Offa’s Dyke Path ist.

Letztes Jahr sind wir schon einen Teil des Offas’s gelaufen, allerdings sind wir erst in Monmouth gestartet. Heute und morgen wollen wir diese Lücke schließen: Heute bis Tintern und morgen von Tintern bis nach Monmouth.

Eigentlich regnet es schon stark, als wir am Strand ankommen. Wir legen eine kurze Pause unter der ersten Severn-Brücke ein, denn dies ist der einzige trockene Platz weit und breit.

Der Weg führt uns durch eine flache Marschlandschaft. Links liegt das Watt, rechts matschige Wiesen. Weil es so stark regnet, liegt die Landschaft grau in grau. Das Watt ist braungrau, die Wiesen erscheinen grüngrau. Hin und wieder treffen wir Kühe, sonst niemanden. So traben wir bis Aust circa sieben Kilometer vor uns hin, der Regen trommelt auf unsere Kapuzen. Vom Weg bleibt uns nicht viel in Erinnerung. Es mag sein, dass das Marschland bei Sonne ganz nett ist, uns jedoch erscheint es eintönig und grau.

Das ändert sich, als wir die Severn-Brücke erreichen. Auf der Brücke ist es extrem windig, noch dazu regnet es wie verrückt. Wie kämpfen uns (kichernd!) die vier Kilometer über die Brücke, die sich hoch über dem Wasser erhebt. Links ein Geländer und das graue Wasser unter uns, rechts donnern die LKW und Autos an uns vorbei und wirbeln dabei ganze Wolken von Sprühregen auf. Obwohl der Rad- und Fußweg ziemlich breit ist, werden wir des öfteren von oben bis unten vollgespritzt, wenn ein LKW kommt. Ich bitte Friedel, ein Foto von der skurrilen Situation zu machen, aber er traut sich nicht, die Kamera auszupacken.

Aber es ist trotz des Regens ein erhebendes Gefühl, von England nach Wales zu laufen, vor allem unter solch abenteuerlichen Bedingungen :-).

In Wales angekommen, legen wir eine kleine Pause unter einer Straßenbrücke ein. Wir leeren unsere Schuhe und wringen unsere Socken aus, denn trotz Goretex sind unsere Füße quappennass. F*** Goretex!

Zum Glück ist es aber jetzt im Juli relativ warm, so dass unsere Füße wenigstens nicht kalt sind. Das ist unser letzter Urlaub, in dem wir uns auf die Wasserdichtigkeit unserer Schuhe verlassen. Bei uns halten die Membrane maximal zwei Urlaube, also werden wir in Zukunft auf teure Wanderschuhe mit Goretex verzichten!

Nach der Brücke sind es noch mal etwa drei Kilometer durch die Suburbs, bis wir das Zentrum von Chepstow erreichen. Dort finden wir ein nettes marokkanisches Café („Arabesque“), wo wir zu Mittag essen und uns etwas trocknen können. Als wir wieder auf die Straße treten, ist es allerdings schon 15 Uhr. Deshalb lassen wir Chepstow Castle links liegen und schlagen uns über die Wye-Brücke auf den Offa’s Dyke Path.

Interessanterweise befinden wir uns nun wieder in England, denn der Fluß ist die Grenze. So werden wir den Nachmittag in England verbringen, aber wieder in Wales übernachten.

Nach Chepstow hört es mal für eine Stunde auf zu regnen, der Rest des Tages fällt jedoch wieder ins Wasser.

Der Weg führt am Nachmittag größtenteils durch Wald, fast sieben Kilometer, was sehr ungewöhnlich für England ist. Immer wieder treffen wir auf Teile des Offa’s Dyke, die aber im Wald nicht so gut zu erkennen sind. Da es die ganze Zeit regnet und es recht schwül ist, mutet der Wald fast tropisch an. Auf der Höhe von Tintern verlassen wir den Offa’s Dyke Path, um nach Tintern abzusteigen.

Der Pfad ist schlammig bis überflutet und Friedel rutscht am glitschigen Hang einmal lang aus und kann sich nur noch mit Mühe an einem Ast festhalten. Das kommentiert Steffi mit einem knappen „Danke für die Warnung!“ und zieht kichernd an Friedel vorbei. Er baumelt da hilflos mit einem Arm am Ast, den Abhang unter sich… dies ist einer der Momente, die uns noch lange in Erinnerung bleiben, und das „Danke für die Warnung!“ wird in der Zukunft zu einem geflügelten Wort :-).

Dementsprechend schlammig sehen wir aus, als wir am Fluss ankommen. Mittlerweile hängen die Regenwolken dicht über dem Fluss. Die verfallene Tintern Abbey liegt auf der anderen Flussseite im Nebel, ein wunderschönes Bild.

Wir haben uns für zwei Nächte im „Parwa Farmhouse“ einquartiert, einer schön altmodischen Pension mit acht Zimmern bei Peter und Angela. Peter nimmt uns in Empfang und zuckt nicht mit der Wimper, als wir durch die Tür schwimmen. Wie in jeder guten Pension gibt es Zeitungspapier für unsere Schuhe und einen Trockenraum, so dass wir schon bald unter der warmen Dusche stehen dürfen. Herrlich!

Das Parma Farmhouse ist ein Erlebnis: Angela kocht für alle Gäste und um sieben wird gegessen. Jedoch finden sich die Gäste schon vorher in der „Honesty Bar“ ein, in der sich jeder an zahlreichen Spirituosen frei bedienen kann und seinen Konsum auf freiwilliger Basis in eine Liste einträgt. Abgerechnet wird am Schluss.

So sitzen bzw. stehen also verschiedene Gäste (meist älteren Semesters) plaudernd in der Bar, bis ein Gong und der jeweilige Name der Gäste ertönt. Die genannte Partei darf dann in den Dining Room einziehen, in dem das vorher bestellte Menü kredenzt wird. Very British!

Da zurzeit eine redselige amerikanische Familie mit uns dort residiert, werden auch wir schnell in eine Gespräch gezogen und werden somit schnell Teil der Gästeschar.

Das Essen war natürlich vorzüglich!

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